Auf einen wie Fabian kann man nicht bauen. Im Dickicht der Städte erlaubt er sich den Luxus, kein Raubtier zu sein. Er ist ein Schlachtenbummler, ein Flaneur, ein Mann mit skeptischem Blick und fast ohne Illusionen. "Mein Charakter ist meinem Verstand in keiner Weise gewachsen. Ich bedauere das aufrichtig, aber ich tue nichts mehr dagegen": Das sagt nicht Fabian, sondern einer der Mitmachen. Fabian dagegen weiß: "Wir leben provisorisch, die Krise nimmt kein Ende." Der Mehrwert läßt ihn kalt. Er interessiert sich für Frauen, aber nicht für die Liebe. Er bleibt höflich. Er verkauft sich nicht. Er geht unter.

"Die Geschichte eines Moralisten" nannte Erich Kästner 1931 seinen Roman "Fabian". Es hat fast fünfzig Jahre gedauert, bis dieser Stoff den Weg auf die Leinwand fand. Inzwischen ist er wieder aktuell. Der Kino-"Fabian" von Wolf Gremm trägt einen Trenchcoat und Hüte mit breiten Krempen. Man kann ihn sich auch im Berlin des Jahres 1980 vorstellen. Er säße wohl im Café Einstein, würde vielleicht im "Dschungel" eine Partie Pool spielen, seine Haare wären länger, den Hut könnte er behalten, sein Bewußtsein für die Vorläufigkeiten der Existenz hätte er sich bewahrt. "Cool" nennt man die Fabians der Ära Schmidt. Kann sein, daß sie Gedichte von Wondratschek lesen. Kann auch sein, daß sie Kästners "Fabian" wieder entdecken.

Wenn man im "Fabian"-Film Hans Peter Hallwachs zuschaut, einem Schauspieler von lakonischer Intelligenz und einer seltsam verloren wirkenden Freundlichkeit, kommt man keinen Augenblick auf die Idee, hier führe einer eine Kostümfilm-Nummer auf. Hallwachs, der erst (leider) in zwei Filmen zu sehen war (in Schlöndorffs "Mord und Totschlag" und in Uwe Brandners "halbehalbe"), spielt den Fabian als einen Zeitgenossen der Kinder von Sony und Zweitausendeins.

Einmal balanciert er, nachts auf den Straßen von Berlin, auf einem Rinnstein: ein, Spieler, ein Träumer, nahe dem Absturz. Aber mondsüchtig ist er nicht. Kommende Katastrophen scheint er zu erwarten. Ungerechtigkeiten machen ihn zornig. Nach dem Selbstmord seines besten Freundes (Hermann Lause als Labude) sitzt er in der Abenddämmerung am Fenster seines Zimmers im Elternhaus: schluchzend. Im Hintergrund ein: kaltes Blau, ein eingefrorenes ländliches Idyll. Wolf Gremm erzählt Fabians Geschichte auch, und nicht zuletzt, in Farben. Er ist, wie sein Held, ein Augen-Mensch. Gremm begleitet Fabian auf seinen Streifzügen durch Berlin, er umstellt ihn mit teuren Kulissen (jeder Einstellung, sieht man die vier Millionen Mark Produktionskosten an), und sorgfältig kostümierten Statisten, aber er verliert ihn, vor lauter Verliebtheit in seinen kinematographischen Luxus, nie aus den Augen. Nach den vielversprechend mißglückten "Brüdern", nach dem ziemlich katastrophalen "Tod oder Freiheit" erweist sich Gremm endlich als ein Regisseur, der sein Handwerk mit so unangestrengter Sicherheit beherrscht wie Fabian sein moralisches Gleichgewicht in unmoralischen Verhältnissen.

Natürlich ist es auch eine, Frage der (filmischen) Moral, wenn man, wie Gremm, einer Figur den Respekt erweist, ihre vorsichtigen Bewegungen durch Räume mit unauffällig eleganten Kamera-Fahrten zu begleiten (und nicht mit schludrigen Zooms). Durch seine offensichtliche Liebe zum Kino drückt Gremm auch seine Liebe zu Fabian aus. Der wundert sich darüber, wie in Zeitungen mit Tatsachen umgegangen wird. Entsprechende Schlampereien läßt sich Gremm in seinem Metier nicht zuschulden kommen.

Andererseits ist er noch kein Meister. Manchmal bewegen sich seine Statisten-Scharen so zielbewußt ziellos durch das Bild, wie es eben nur Statisten können. Manchmal sehen die Szenen-Entwürfe eine Spur zu dekorativ aus. Doch der Film ist gut genug, daß man solche Fehler überhaupt sieht: In einer unzulänglicheren Inszenierung (in der wenig stimmt) würde man sie nicht merken. Bei Gremm stimmt fast alles. Im alten Hollywood hätte er keine Schwierigkeiten gehabt. Die Amerikaner haben "Fabian" schon gekauft.

Es gab Filme über die letzten Jahre der Weimarer Republik in Berlin, die so taten, als würden sie die "dämonische Leinwand" neu erfinden: schicke Tänze auf dem Vulkan, "Cabaret" und "Schlangenei". Gremms "Fabian", der auf die üblichen Schauwerte (vom Arbeitsamt bis zum Freudenhaus) nicht verzichtet, ist gleichwohl kühler, distanzierter, artifizieller: Gremm bleibt so gelassen wie Fabian. So wird selbst ein Mangel an Originalität ein Vorzug Fabian ist einer, der sich heraushält aus dem Kampf zwischen Rot und Braun, der Risiken vermeidet, wo es irgend geht. Er macht nur einen Fehler, einen tödlichen. Er springt ins Wasser: "Fabian ertrank. Er konnte leider nicht schwimmen". Dem Filmemacher Wolf Gremm wird so etwas nicht passieren. Aber mit einem Mangel an Charakter sollte man das wirklich nicht verwechseln.

Hans C. Blumenberg