Von Karl-Heinz Wocker

London, im April

Es war wie in den Tagen des Mahdi. Die Briten, Europas altgediente Sachverständige für den Nahen Osten, fühlten sich zurückversetzt in die Ära Gordons und Kitcheners. Einer der Ihren war ausgezogen, um wie T. E. Lawrence der Nation zu berichten, wie man denn so lebe in Burnus und Schleier unweit von Mekka und Medina. Er kehrte heim und erklärte, Schlimmes tue sich unterm Halbmond. Eine neunzehnjährige Prinzessin von Saudi-Arabien, zwangsverheiratet an einen ungeliebten Vetter, habe sich einen Liebhaber genommen, das Paar habe ungeniert zusammengelebt und sei deshalb öffentlich hingerichtet worden, sie per Salve, er durchs Schwert. Der Dokumentarfilmer Anthony Thomas bekannte nach zwei Jahren der Recherche: "Wenn ich gewußt hätte, auf was ich mich da eingelassen habe, wäre ich wahrscheinlich so klug gewesen, die Finger davon zu lassen."

Thomas ist ein preisgekrönter Regisseur. Nicht zum erstenmal widmete er sich der Mühsal, westlichen Christen die Geheimnisse des Islam erklären zu wollen. Die 1977 hingerichtete Prinzessin Mischal schien ihm das Exempel zu liefern, an dem sich der Konflikt zwischen Allahs ewigen Geboten und den Versuchungen der Zivilisation im 20. Jahrhundert darstellen ließ. Eine von Männern dominierte Gesellschaft, deren weibliche Wegbegleiterinnen jedoch längst raffinierte Formen der Gegenwehr und des Eigenlebens praktizieren –, das schien dem britischen Regisseur einen Zwei-Stunden-Film wert zu sein. Er ging eine der kommerziellen britischen Fernsehgesellschaften, die ATV (Associated Television), um Gelder an. ATV war bereit, die Hälfte der erforderlichen Summe in das Projekt zu investieren. Das bedeutete freilich auch nur die Hälfte der Verantwortung. Denn mulmig war es den Bossen von ATV von Anfang an. Auch sie wissen schließlich, wo John Bull das Öl holt, sofern es nicht aus der Nordsee emporsprudelt. So besorgte sich Anthony Thomas die andere Hälfte seines Etats rund um den Globus bis hinunter nach Australien.

Dann klapperte er mehrere islamische Staaten ab und fragte jeden, der etwas zu sagen bereit war –, es waren nicht eben viele. In Saudi-Arabien schwiegen die meisten. Eine deutsche Kindermaid, ehemals am Königshof beschäftigt, klärte den Briten dahingehend auf, es habe sich bei Fräulein Mischal keineswegs um eine exzeptionelle Rebellin gegen traditionelle Moral gehandelt. Auf die Gesellschaftsschicht, die sie beschrieb, paßte am besten das Etikett "Swinging Riad". Die bis auf die Augen verhüllten Adelsnamen, so erfuhr der Dokumentarfilmer, suchten sich ihren "Mann für eine Nacht" selbst aus. Gewisse Wüstenstraßen langsam abfahrend, instruierten sie ihren Chauffeur, mit den Kollegen gewisser Wagen in Kontakt zu treten, in deren Fonds gewisse attraktive Mannsbilder erkennbar, waren. So gehe das vor sich, nicht etwa umgekehrt.

Als sich herumsprach, daß im Film von Anthony Thomas nicht nur die Geschichte jener Prinzessin und ihres Liebhabers (den sie in einer Diskothek auflas) kolportiert werden würde, sondern daß es um den Versuch gehe, Theorie und Praxis islamischer Sexualität einem völlig andersartigen Publikum zu erklären –, da brach östlich von Suez eine leichte Panik aus, die sich in London rasch und stark bemerkbar machte. Heute versichern zwar alle Beteiligten, es sei kein arabischer Druck ausgeübt worden, um den Film aus dem britischen Fernsehprogramm zu streichen. Eine Londoner Abendzeitung wollte jedoch vorab wissen, nicht weniger als fünf Millionen Pfund seien von gewissen Kreisen aus jener Gegend geboten worden, um den Streifen "Death of a Princess", "Tod einer Prinzessin", aus dem Fernseh-Abendangebot des 9. April wegzulassen. Der Film aber lief – in der Hauptsendezeit von 20 bis 22 Uhr.

Man sah, was ein Zufallszeuge aus Yorkshire mit seinem Photoapparat eines nicht so schönen Tages im Juli 1977 durch Zufall festgehalten hatte: die erschossene Prinzessin, neben der ihr Liebhaber kniet, um den Schwertstreich der Obrigkeit zu empfangen. Freilich ließ der Film allerlei Zweifel zu. Lebte da wirklich eine zutiefst unglückliche junge Frau im Konflikt mit den Gepflogenheiten ihrer Umgebung? Oder handelte es sich eher um ein mannstolles Nymphchen, das auch unter anderen als islamischen Gesetzen kaum für eine Rolle als Heldin geeignet gewesen wäre? Trieb sie, was andere ihresgleichen diskreter ausleben, auf eine Weise, daß sie die Behörden geradezu provozierte?