Präsident Saddam Hussein, energisch und unberechenbar, spielt mit seinen Muskeln

Von Dietrich Strothmann

Das ist der Nahe Osten: Die für unerschütterlich gehaltene Hausmacht der Saudis bröckelt seit dem Anschlag auf das Heiligtum von Mekka. In Syrien muß Präsident Assad um seine Herrschaft bangen. Der Iran gleicht einem Tollhaus. Der Nordjemen weicht vom Westkurs ab und macht Moskau Avancen. So wie der Nahe Osten heute ist, so war er schon immer: unberechenbar und unstabil. Freunde von gestern sind heute Feinde. Verträge taugen nicht viel, Verbindungen halten nicht lange, Versprechungen werden gebrochen. Was zählt, ist die Tatsache, daß fast nichts zählt.

Zum Beispiel Irak, zum Beispiel Iran: Teheran ruft dieser Tage zum Sturz des Nachbar-Regimes auf; Bagdad droht, jedem Iraner den Arm abzuschlagen, der versuchen sollte, ihn gegen den Irak zu erheben. An den Grenzen wird geschossen, Bagdads Behörden haben bereits 16 000 irakische Schiiten in den Iran getrieben. Iranische Terroristen sollen hinter dem Attentat auf den irakischen Ministerpräsidenten Tarik Aziz stehen, irakische Bombenleger hinter den Anschlägen auf die Ölfelder im grenznahen Abadan. Vom Irak aus sollen bewaffnete Anhänger des ehemaligen Schah-Premiers Bachtiar gegen den Iran operieren, in Teheran verkündet Verteidigungsminister Mustafa Schamran: "Unsere Armee wird Bagdad erobern." Im Arabischen Golf ist die iranische Marine zu einem Großmanöver ausgelaufen, von der irakischen Führung wird die Besetzung der 1971 vom Schah annektierten Inseln in der Straße von Hormuz angedroht.

Die Gunst der Stunde nutzen

Täglich berichten die Zeitungen beider Länder über die Scharmützel so, als sei bereits Krieg. Schon hat Carters Sicherheitsberater, Brzezinski, mitgeteilt, bei einer Ausweitung des irakisch-iranischen Konfliktes "müßten wir angemessene Maßnahmen treffen".

Dabei hatten die Nachbarn erst 1975 ihr Kriegsbeil begraben. Der Schah entzog den irakischen Kurden seine Unterstützung in ihrem Autonomiekampf, Präsident Saddam Hussein, damals noch der "zweite Mann", entsagte allen Ansprüchen auf das umstrittene Gebiet am Schatt el Arab und vertrieb den Ajatollah Chomeini aus seinem 14jährigen Exil. Fünf Jahre später tun der Irak und der Iran so, als sei das alles nicht geschehen.