Von Adolf Muschg

Rückkehr aus Frankfurt, wo ich zwischen Dreikönig und Fastnacht fünf Montage, von sechs Uhr abends bis (meist) nach Mitternacht, die Gastdozentur für Poetik – wie sagt man: versehen? wahrgenommen? bekleidet? habe. Bekleidet wohl am wenigsten. Ich habe versucht, meiner zwinglianisdien Herkunft zuwider zu handeln und mich zu meinem Thema realistisch, nämlich ungeschützt zu verhalten. Warum schreibe ich?

Poetik – die Frage nach der Machbarkeit von Literatur – schien nur mit Vermutungen darüber, was wohl mich selber schreiben mache, wofür ich das Schreiben nötig habe, einigermaßen ehrlich, wenn auch nicht hinreichend zu beantworten. Eine solche Frage verträgt keine "Bekleidung" – erst recht nicht, wenn die Veranstaltung unter dem Titel laufen soll: "Literatur als Therapie?"

Zwar hatte ich in der ersten Stunde darum gebeten, das Fragezeichen groß zu schreiben, ja: nur das Fragezeichen zu lesen. Eine Bitte um Aufschub, an deren Haltbarkeit die Hörer zweifelten; die sie im Grund – mit ihren guten Gründen – nicht respektierten. Hier stand ich, hatte eine Erwartung erweckt, die mit einer wirklichen, keineswegs fiktiven Notlage aller Anwesenden zusammenstimmte. Für diese Erwartung, die größer war als der Hörsaal VI, mußte ich geradestehen, so gut ich konnte – und wußte dabei jeden Augenblick, daß "gut" nicht gut genug war. Denn wer das Zustandekommen von Literatur anbindet an das Zurechtkommen mit dem eigenen Leben, von dem wird mehr verlangt als ein mehr oder weniger gelungener Monolog am Pult.

Der Wunsch, "heil" zu werden

In einer Sache war ich sicher gewesen. Die Gastdozentur hatte für mich selbst keinen Sinn, wenn es nicht gelang, meine Unsicherheit mitzuteilen – und zwar nicht als rhetorische Figur oder didaktischen Trick. Denn diese Unsicherheit gehört zu meinen teuer erworbenen Erfahrungen. Ich hatte in Therapiegruppen und Beziehungen gelernt – oder angefangen zu lernen – sie mir einzugestehen, und erfahren, daß erst dieses Eingeständnis einen offenen und herzlichen Austausch möglich macht. Das Schreiben dagegen: Das hatte mir von der Kindheit an zum Aufbau einer Sicherheit gedient, deren Scheinhaftigkeit jetzt einzusehen war – ohne daß ich sie deshalb eine Lüge zu nennen brauchte. Ich hatte das Schreiben zum Überleben nötig gehabt. Jetzt ging es für mich darum, dieses Instrument nicht mehr – oder nicht mehr nur – zum Verstecken, sondern zum Machen von Erfahrungen zu verwenden. Literatur nicht mehr als Kunststück der Chiffrierung, sondern als Beweismittel für das lebende Subjekt.

Einige Einsichten aus diesem mich bewegenden Prozeß wollte ich in Frankfurt weitergeben – und mir über seine gesellschaftliche Tragweite keine schnellen Vermutungen durchgehen lassen. Weiter: Der Wunsch, "heil" zu werden, sollte nicht schon im Keim angeschwärzt, sondern ernst genommen werden. Und dann wollte ich wissen, ob Schreiben wirklich ein Heilmittel sei; ob und wie Spiel, Fabel und Verstellung der Intaktheit des Autors – nicht Goethes oder Kafkas, bloß meiner eigenen – entgegenkommen; warum mir das Schreiben auch widerstrebt, und welche Folgen es hat für meine Kontaktfähigkeit; wie die Ansprüche zu rechtfertigen sind, die diese Art Arbeit gegen den Autor erhebt, und ob der Anspruch gerechtfertigt ist, den er, kraft seines Schreibens, selber erhebt – oder den man ihm unterschiebt.