Von München nach Hamburg auf dem Fahrrad, die lust-und leidvolle Erfahrung eines Jugendtraums / Von Klaus Richter

Noch nie habe, ich ein Auto besessen. Mein beweglicher Untersatz war seit jeher dasFahrrad. In den frühen sechziger Jahren galt ich deshalb als sozial minderbemittelt, in den späten als liebenswerter Spinner, in den frühen Siebzigern als interessant; inzwischen hat mich die bundesdeutsche Radfahrerwelle eingeholt. Mein, seit Jahren gehegter Lieblingsgedanke, einmal die mir von vielen Zug- und Autofahrten auf den ersten Blick so vertraute Route München–Hamburg allein und aus eigener Kraft zurückzulegen, ist nicht mehr originell.

Doch das soll mich nicht kümmern. Noch immer reizt mich der zweite, genauere Blick, auch die körperliche Leistung; im Turnen hatte ich einst eine vier. Und was wird mit mir passieren, in der Einsamkeit der Straße?

Montag. Schon im Traum bin ich gefahren. Frühstück 5 Uhr 15. Die Wolken ziehen Wasser. Das Regenzeug muß ganz nach oben in die Tasche. Am Lenker befestige ich ein Freßtäschchen voller Weintrauben und Studentenfutter. Ich habe kein Rennrad, wohl aber eins mit zehn Gängen.

Bereits an der Leopoldstraße verdüstert sich der Himmel, es nieselt ab und an. Aber an ein Zurück will ich nicht denken. Würde ich jetzt umkehren, geriete ich in Schwierigkeiten – mit mir selbst. Die kleinen Anstiege nehme ich noch lässig: Der Wind bläst mich vorwärts, hoffentlich bis Hamburg. Der Himmel wird schwarz.

9 Uhr. Von einem Buswartehäuschen aus schaue ich in eine öde Industrielandschaft, die im Regen versinkt. An die Wand geschmiert ein Hakenkreuz und "RAF". Ein Bauer fährt auf seinem Traktor an mir vorbei auf die Felder. Der Horizont rückt näher. Elementare Erfahrung von Nässe: Das Regenzeug ist zu dünn. Schon liegt die Arbeit am Münchner Schreibtisch meilenweit hinter mir; nur noch das Wetter und die Straßenverhältnisse zählen. Am Abhang rutsche ich aus, schlage hin, fluche, bin naß und dreckig. Ich stürze mich in den strömenden Regen. Die Brille beschlägt.

Schemenhaft kommen zwei riesige Panzer entgegen. Die Autos hupen mich an, spritzen Dreckfontänen über meine Beine. Ingolstadt. An der ersten Ampel greifen die Bremsen kaum die nassen Reifen, ich helfe mit den Füßen nach.