In der Theorie bieten Embargos, Boykotts und Blockaden eine schier unwiderstehliche Versuchung: Drücke einem feindlichen Staat die wirtschaftlichen Lebensadern ab, und er geht alsbald in die Knie, ohne daß ein einziger Schuß abgefeuert werden muß. Doch die historische Erfahrung ist weniger verführerisch. Warum der unblutige Wirtschaftskrieg kein taugliches Mittel der Politik abgibt, zeigt das klägliche Scheitern der Völkerbunds-Sanktionen gegen das faschistische Italien noch immer am besten.

Ein Embargo sollte Mussolinis Aggression gegen Abessinien stoppen. Der amerikanische Historiker Herbert Feis urteilt: "Die Sanktionen gegen Italien, die (1935/36) in Kraft traten, haben weder die italienische Eroberung Äthiopiens ernsthaft gefährdet, noch die Wirtschaft Italiens tiefgehend erschüttert. Dazu waren sie zu kurzlebig und überdies weder global noch umfassend genug angelegt."

Von vornherein weigerten sich 27 Länder, Sanktionen gegen das Mussolini-Regime zu ergreifen. Ein Schlüsselrohstoff jeglicher Kriegführung, nämlich Öl, erschien gar nicht erst auf den Listen, die sich die Delegierten im Genfer Palais des Nations abgequält hatten. Und schließlich wirken Sanktionen langsamer als moderne Armeen marschieren: Acht Monate nach Beginn der italienischen Aggression gegen Äthiopien war Addis Abeba gefallen. Acht Wochen später, am 5. Mai 1936, zog der Völkerbund nach, indem er seinen Sanktionsbeschluß wieder aufhob.

Doch dies war nur der tragischen Farce erster Teil. Der halbherzige Handelskrieg gegen Rom traf seine Urheber schließlich viel tiefer als das faschistische Regime. Einerseits trieb er den Duce in die offenen Arme Hitlers – eine schmerzliche Schlappe für England und Frankreich, die Mussolini nach Kräften umworben hatten. Andererseits trug der Boykott ungeahnte Früchte im Inneren des Landes, wo der Duce plötzlich auf einer Woge der nationalen Begeisterung schwamm, wie heute Chomeini in Teheran. Einfache Bürger spendeten ihre Eheringe, und selbst altgediente Liberale wie der Philosoph Beredetto Croce scharten sich nun um die Fahnen der Faschisten. Mussolini triumphierte später: Die Völkerbund-Sanktionen brachen den "letzten Widerstand gegen den italienischen Faschismus" und machten das Unmögliche möglich: die Errichtung eines italienischen Imperiums in Afrika.

Lehren aus der Geschichte für den Iran? Chomeini und Breschnjew trennen zwar ideologische Abgründe. Doch wenn es ums Überleben geht, ist niemand wählerisch. (Und wie schnell sich selbst ideologische Todfeinde in einem zynischen Zweckbündnis zusammenschirren können, hat der Hitler-Stalin-Pakt von 1939 gezeigt.)

In Persien würde ein vom Westen geführter Wirtschaftskrieg – zumindest in den ersten Monaten – das Regime des Ajatollah schwerlich schwächen. Im Gegenteil. Totalitäre Regime brauchen zumal dort, wo Paranoia Methode hat, den äußeren Feind noch dringender als Lebensmittellieferungen und Ersatzteile. Wo der "totale Krieg" (Goebbels) oder der "Große Vaterländische Krieg" (Stalin) proklamiert werden kann, versinkt jedwede Unfähigkeit der Herrschenden im Rausch nationaler Empörung, verschwindet auch der letzte Rest von Zweifel und Zwietracht, wird Kritik zum Verrat. Kein Wunder, daß Chomeini jubelte, als Washington in der vorigen Woche die diplomatischen Beziehungen zu Teheran abbrach und mit Gewalt drohte. Der Ajatollah – und mit ihm Hunderttausende – feierten diesen Entschluß als "Tat zum Wohle der Unterdrückten": "Die militante Nation der Iraner sollte diese Tatsachen als Morgendämmerung des endgültigen Siegers feiern." Und: "Dieser Schritt Carters ist das einzig Gute, was er in seinem Leben je geleistet hat." Josef Joffe