In der Internationalen Energie-Agentur (IEA) – Sitz in Paris – sind vorerst noch keine Zeichen von Hektik oder Krisenstimmung zu spüren. "Wir sind für den Ernstfall gewappnet", heißt es. Für den Fall eines Versorgungsengpasses sind folgende Verhaltensnormen vorgesehen:

Alle zwanzig IEA-Mitgliedsländer (die großen westlichen Industrienationen außer Frankreich) haben sich verpflichtet, eine Reserve zu halten, die dem Rohölimport von mindestens neunzig Tagen entspricht. Dieses Soll ist heute beträchtlich übererfüllt. Denn am 1. April 1980 betrugen die Lagervorräte in den Agenturländern über 140 Tage (gerechnet auf der Basis der Importe von 1979). Vor zwölf Monaten lag diese Menge lediglich bei 120 Tagen. Zudem ist zur Zeit am Ölmarkt ein Oberhang von rund einer Million Barrel zu beobachten. Bei einem nur kurzen Versorgungsproblem besteht also kein Grund zur Unruhe.

Was passiert aber, wenn der Iran seine Lieferungen ganz einstellt? Zunächst weisen die Experten darauf hin, daß sich ein solches Embargo erst nach vierzig Tagen bemerkbar macht, weil die Tanker so lange unterwegs sind. Doch dann kann es brenzlig werden. Denn allein die Bundesrepublik bezog im ersten Vierteljahr 1980 etwa 17 Prozent ihrer Ölimporte aus Iran (geplant waren 16,4 Prozent), für alle europäischen Agenturländer waren es im gleichen Zeitraum fast sieben Prozent.

Solange weniger als sieben Prozent der Versorgung ausfallen, tritt die Agentur nicht in Aktion. Denn jedes Mitgliedsland hat ein Sparprogramm bereitzuhalten, um diese Lücke aus eigener Kraft zu schließen. Das ist (mit wenigen Ausnahmen) auch geschehen. So hat der Bundestag das Energiesicherungsgesetz verabschiedet, das mehrere konkrete Schritte bis hin zur Rationierung regelt.

Kritisch wird es, wenn der Versorgungsrückgang in einem oder mehreren Ländern die Sieben-Prozent-Grenze überschreitet. Dann tritt ein Mechanismus in Kraft, den die Fachleute der IEA den "Sieben-Prozent-Auslöser" nennen. Zur Aktivierung des Verteilungsplans und zum Rückgriff auf die Reserven kommt dann ein Umverteilungsmechanismus zwischen den Agenturmitgliedern, der eine "faire und gleichmäßige Verteilung des verfügbaren Ölangebots" gewährleisten soll;

Diese Umverteilungen geschehen nach einer komplizierten mathematischen Formel, die alle Mitgliedsländer akzeptiert haben. Stoppt der Iran die Ölzufuhr, würden vor allem die Bundesrepublik und Japan von der Solidarität ihrer Partner profitieren, weil sie den größten Anteil ihrer Versorgung aus iranischen Quellen beziehen. Die USA dagegen, die praktisch kein persisches Öl mehr kaufen, müßten einen beträchtlichen Anteil abtreten.

Die IEA hat das Recht, in Zusammenarbeit mit den betroffenen Regierungen, mit den Transporteuren und Mineralölgesellschaften Tanker umzuleiten. Die entsprechenden Krisenstäbe sind überall gebildet, und in Paris verfügt man über alle nötigen Daten, um eine Übersicht über die Ölströme zu haben. Diese Daten hinken lediglich vierzehn Tage hinter der Realität her.