Von Horst Rumpf

Es gibt die Meinung, unsere Schulen drohten zu verrotten, weil sie ihren Schülern keine Disziplin mehr abzuverlangen wagten. Ein voreiliges Urteil, wie mir scheint, ohne Trennschärfe im Gegenstand.

Ich schlage vor, einen gewöhnlichen Lerntageslauf eines Zwölfjährigen etwas näher zu besehen – unter dem Gesichtspunkt der Disziplin, die die Lerninhalte und ihre zeitliche Einrichtung ihm abfordern.

Zum Frühstück kommt er mit einem Heft in der Hand, um noch einmal für den Musiktest in der zweiten Stunde zu memorieren: "Das Metrum besteht aus gleichlangen und gleichlauten Schlägen. Der Takt besteht aus verschiedenen Schlägen, die aber verschieden betont werden. Der Rhythmus besteht aus verschieden langen Schlägen, die die Betonungen des Taktes haben. Die Melodie besteht aus verschieden hohen Tönen, die die Länge und die Betonungen vom Rhythmus haben." Der Schüler läßt sich abhören, sagt sich heikle Stellen immer wieder vor – so wurden wohl einst Katechismussätze abgehört, in Furcht vor strengen Pfarrern. Heute ängstet die Testpunktzahl.

Erste Stunde ist Biologie, der Mensch ist dran, das anstehende Unterkapitel Knochen führt zu den folgenden Hefteintragungen: "Der Knochen. Bestandteile: Knochenkalk (fest)/Knochenleim (elastisch)/Die Knochen sind lebendige Organe des Körpers, sie müssen mit Nährstoffen und Vitaminen versorgt werden. Mangelerscheinungen: Vitamin D und fehlende Sonneneinstrahlung erzeugt Rachitis (englische Krankheit). (Es folgen vier Sätze der Erklärung). Arten der Knochen: (1) Plattenförmige Knochen: Schulterblatt, Schädel, Becken. Sie dienen dem Schutz der inneren Organe. (2) Röhrenförmige Knochen: Oberarmknochen/Oberschenkelknochen/Elle und Speiche/Schienbein/Wadenbein. Sie dienen der Stützung und Bewegung." Bewegung und Stützung sind rot unterstrichen.

Es folgt die zweite Stunde mit dem besagten Musiktest – bei ihm geht es um Aufgaben auch folgenden Typs: Was sind Gemeinsamkeiten von Takt und Rhythmus? Was sind Unterschiede zwischen Metrum und Takt?

Dritte Stunde: Hausaufgabenkontrolle und -besprechung in Englisch: Abzuschreiben waren Sätze vom Typ: "The Johnsons have been to Germany." Und zu ergänzen waren Satzfragmente: "The Schmidts (have been to) London. They (went there) in (1969)." Einzelne Satzteile standen außerdem im Buch untereinander und waren korrekt zusammenzumontieren: "I haven’t been to a party this week./I haven’t seen any good films this week." Die Sätze werden besprochen, ein paar weitere aus dem Buch werden geprobt und aufgeschrieben.