Gleich vorweg sei gesagt: es gibt wenige Werke der Weltliteratur (und für manche ist das ja auch schon ein Schreckwort), die sich so amüsant, vergnüglich und behende lesen lassen wie Gogols "Tote Seelen", und die sich wohl auch deshalb seit 138 Jahren ungebrochener Leselust erfreuen, und es vergeht kein Jahrzehnt, in dem nicht irgendein berühmter Maler sich von diesem Text zur Illustration herausgefordert fühlt, vom Zeitgenossen Agin bis Hegenbarth und Chagall. In unserem Land gibt es nicht weniger als ein halbes Dutzend Übersetzungen, seitdem die erste, nur wenige Jahre nach der Moskauer Originalausgabe, 1846 unter dem schönen Titel "Die todten Seelen, ein satirisch-komisches Zeitgemälde" gedruckt wurde. Das war so erfolgreich, daß es als eines der ersten ausländischen Romane in Reclams Universal Bibliothek aufgenommen wurde.

Aber satirisch-komisch ist das freilich nur auf den ersten Blick, auf den zweiten eine schwarze Komödie, eine finstere Posse, und auf den dritten ein Reigen unseliger Geister, eine Versammlung von Ungeheuern, ein makabrer Totentanz, ja – und ein Protokoll des Sterbens: wie der Mensch stirbt und die Dinge übermächtig werden, wie das Lachen stirbt und das Gelächter versteint, wie die Sprache stirbt und die Wörter weiterwuchern. Da hat einer die toten Seelen gerufen und ist sie nicht mehr losgeworden.

Pawel Iwanowitsch Tschitschikow, also ein Mann ohne Eigenschaften, so recht dazu angetan, den anderen als Spiegel zu dienen, in dem wir, die Leser, sie als das erkennen, was sie in Wirklichkeit sind: Fratzen, Zerrbilder, Scheusale, Mißgeburten, Ungeheuer, sie alle, die da in diesem Roman eine Rolle spielen, die verkommenen Gutsbesitzer, die korrupten zaristischen Beamten, die klatschsüchtigen, neidischen Ehefrauen ... ja und auch Tschitschikow selbst, der Schwindler und Luftikus. Der Teufel? Mephisto gar? Er ist in ihre Stadt gekommen, um bei den Gutsbesitzern der Umgebung tote Seelen zu kaufen (wobei er übrigens von nicht-existierenden Seelen spricht, die andern sind es, die handfest und pietätlos von toten Seelen reden, an denen sie noch tüchtig verdienen wollen). Das sind verstorbene Leibeigene, für die ihre Besitzer bis zur nächsten Revision, und die findet nur alle zehn Jahre statt, weiterhin Steuern zu zahlen haben. Mit diesen toten Seelen auf dem Papier, die Tschitschikow auch noch im weit entfernten Gouvernement Cherson "ansiedeln" will, beabsichtig er bei irgendwelchen Kreditinstituten Leihgelder aufzunehmen...

Gogols Kunst treibt das (scheinbare) Paradoxon auf die Spitze, indem er diese toten Namen auf dem Papier höchst lebendig werden läßt, während die hier Lebenden, die Stützen der Gesellschaft, allesamt tote Seelen sind: der schmeichlerische Manilow, die raffgierige Korobotschka, der brutale, verschlagene Sobakewitsch, der polternde, zänkische Nosdrow, der in seinem Geiz versteinerte Pljuschkin, Personen, die mit ihren Eigenschaften in Rußland später sprichwörtlich werden sollten Das ist in einer Sprache geschrieben, die aller Valeurs und Schattierungen fähig ist, die von satirischer Schärfe bis zu mitleidlosem Spott, von sanfter Boshaftigkeit bis zur demaskierenden Ironie reicht, eine Prosa von solchem Reichtum und einer Schärfe und Genauigkeit, wie es sie vorher in der russischen Literatur nicht gegeben hat. Ganze Generationen fühlten sich danach, eher stolz, "im Schatten Gogols" (Sinjawski).

Gogol hat hier eine der bissigsten Anklagen gegen den Kapitaslismus formuliert bevor es ihn überhaupt, richtig in Rußland gab. "Die Erwerbsgier (priobritenie) ist an allem schuld", schreibt er am Schluß der Toten Seelen unverblümt, und entdeckt sie unter aller Schminke und allen Kostümierungen, sie ist es, die die Gesichter der Menschen verzerrt und entstellt und die er zu seinem Entsetzen überall findet, bei den Reichen wie bei den Armen, bei den Frommen wie bei den Spitzbuben – wie bei sich selbst. "In allen Figuren habe ich etwas von mir hineingetan", schreibt er einmal, "eine meiner unangenehmen Eigenschaften, die habe ich dann vergrößert, bis ich selbst davor erschrocken bin ..." Und an anderer Stelle: "Es sind Mißgeburten, aber in ihnen soll man doch noch etwas von dem Ideal ahnen, das von eben dieser Mißgeburt karikiert wird".

Sein Erfolg als Schriftsteller war bisher eher mäßig gewesen, der "Revisor" hatte ihn 1836 plötzlich berühmt gemacht, und schon verglich er sich mit Dante, nannte seine Toten Seelen nicht etwa einen Roman, sondern ein POEM, und wollte den zweiten Teil "als Vorstufe zur Lektüre Homers" verstanden wissen. Er vertrug überhaupt keine Kritik, warf Belinskij ("da er sein Studium abgebrochen habe") Unbildung vor, ging verkleidet ins Theater, um zu lauschen, was die Zuschauer zu seinem Stück äußerten, um danach in einem langen Aufsatz mit ihnen zu zanken. ("Beim Verlassen des Theaters"). Jetzt investierte er seinen Ehrgeiz, seine Kraft, sein ganzes Talent, ja schließlich sein Leben in diesen seinen ersten und einzigen Roman, und ich glaube, das Verbum hätte ihm gefallen, da er sich auf eine gewisse Weise als eine Art Buchhalter menschlicher Laster und Untugenden fühlte. Sechs Jahre hat er am ersten Teil der Toten Seelen gearbeitet, und überspitzt läßt sich sagen, er hat sich so tief in sein Buch hineingelebt, daß er am Ende selbst eine tote Seele war. Aber das ahnte er mehr, als daß er es wußte. Und so schrieb er noch zehn Jahre weiter am zweiten Teil, ohne dabei auch nur einen Schritt voranzukommen ...

Um sich allein und ganz diesem Werk widmen zu können, war er von Rußland weggegangen, in ein freiwilliges Exil nach Rom, um freilich von dort in Briefen über alles zu klagen und zu räsonnieren. Er ging kaum aus dem Haus, schloß sich in seine Wohnung ein, betete und forderte in immer neuen Schreiben seine Dichterfreunde auf, ebenfalls für ihn und das Gelingen seines Werkes zu beten. Tagelang fühlte er sich wie gelähmt, erhob sich nicht aus dem Bett, aß fast nichts und magerte ab. Er fand sich selber: "unangenehm und abstoßend" und dichtete sich auf eine selbstquälerische Weise lauter-"schlechte Eigenschaften" an. Weil er selbst sehr klein war, fast ein Zwerg, ließ er immer wieder verkümmerte Leute auftreten, weil er eine extreme, schiefe, priapische Nase hatte, schrieb er alle naselang etwas über die Nase, nicht nur "Die Nase". Vor seinen Freunden breitet er geradezu masochistisch alle seine Zweifel und Verzweiflungen aus, und, indem er die Briefe auch später veröffentlicht, vor der Welt. Als der erste Teil der Toten Seelen erscheint und von der Kritik im allgemeinen gerühmt wird, klagt er die Rezensenten an, sie hätten ihn nicht auf die Fehler und Schwächen aufmerksam gemacht, und er habe darüber sehr viel Zeit verloren, um das selbst herauszufinden.