So getrennt sind sie nun auch wieder nicht. Zwar hatte die Weimarer Reichsverfassung in Artikel 137 gesagt: "Es besteht keine Staatskirche", und das Bonner Grundgesetz übernahm mit seinem Artikel 140 die dreißig Jahre bestehende Rechtssituation. Aber schon 1919 war die Formulierung eher als Regelung einer Kooperation, nicht einer Trennung von Staat und Kirche verstanden worden: Die Kirchen konnten die Kontrolle eines staatlichen Regiments abschütteln; bestätigt hingegen wurde ihnen der Status von Körperschaften öffentlichen Rechts samt deren öffentlichen Aufgaben sowie die Übernahme bestimmter Verpflichtungen durch den Staat; konzedieren mußten sie lediglich gewisse Aufsichtsbefugnisse, etwa bei der Bestallung von Bischöfen.

Andererseits hatte die (katholische) Kirche schon früh, auf jeden Fall beim Tridentinum 1563 gefordert, daß sie ihre Priester in eigenen, nur ihr selber unterstellten Seminaren erziehen könne, in denen jede staatliche Einmischung ausgeschaltet ist; sie hatte aber auch erreichen können, daß die gänzlich unaxiomatische, mehr auf Glauben als auf Wissen aufgebaute "Wissenschaft" Theologie weder in der Forschung noch in der Lehre ganz aus der Universitas Litterarum ausgegliedert werde. Das verschiedenen Konkordate der Reichs- wie der Landesregierungen bestätigten die für die Kirchen recht vorteilhaften Strukturen. Vor allem beglaubigten sie den besonderen Charakter der Theologie innerhalb einer staatlichen Universität als lehramtlich gebundener, also unter die Autorität der kirchlichen Hierarchie gestellter Disziplin – beamteter Lehrer kann nur werden, wem die römische Kurie oder der Lokalbischof das "nihil obstat" (keine Einwände) bescheinigt hat.

Nun haben Rom und der Bischof von Rottenburg/Stuttgart letzten Weihnachten dem Tübinger Theologie-Professor Hans Küng die missio canonica, die Lehrbefähigung und damit eine conditio sine qua non eine notwendige Akkreditierung entzogen, in der vergangenen Woche wurde sein Lehrstuhl für ökumenische Theologie aus der Fakultät ausgegliedert – Hans Küng muß dort durch einen anderen Lehrbefähigten ersetzt werden. Staatsbeamter hingegen, weil Universitätslehrer, kann und will Hans Küng bleiben. Die früher verschiedentlich von ähnlich Betroffenen genutzte Möglichkeit, in eine andere Fakultät überzusiedeln, hat Hans Küng, mit Selbstbewußtsein und einigem guten Recht, natürlich auch mit sicherem Gespür für die Wirkungen nach außen wie vor allem nach innen, in Anspruch zu nehmen sich geweigert. Der Kompromiß: er erhält ein gewissermaßen außerhalb der Fakultätsgrenzen arbeitendes Institut als "zentrale Einrichtung der Universität" und behält beratende Stimme in den Promotions- und Habilitationsausschüssen für seine Studenten.

Eine fatale Lösung. Für die Universität, weil sie bescheinigen mußte, daß eine ihrer Fakultäten fremdbestimmt und damit sie selber keineswegs völlig autonom ist. Für die Studenten, weil jetzt niemand mehr bei Küng studieren kann, der später ein Lehramt bekleiden möchte – denn wie sollte dieser die missio canonica (und sei es nur für die Grundschule) erhalten, der bei jenem studierte, der sie selber nicht besitzt; weil aber auch kaum jemand bei Küng forschen wollen wird, wenn er nicht sicher ist, daß seine Arbeit anschließend auch anerkannt wird. Für Kling selber, denn zwischen den Stühlen der Fakultäten sind ihm weder Forschungsmittel noch Lehrveranstaltungen auf Dauer gesichert. Für den Staat, weil hier eine Gruppe – sie sei gesellschaftlich noch so sehr oder, was wahrscheinlicher ist, noch so wenig relevant – ein Privileg durchgesetzt und damit abgesichert hat, das so unumstößlich keiner anderen Organisation zugebilligt wird, wohl auch nicht zugesichert werden kann und darf. Für die Kirche schließlich, weil sie sich als unfähig oder zumindest Unwillens gezeigt hat, über das Denken und Handeln nach dogmatisch-kodifizierten Regeln und Mustern hinauszugehen; weil sie, die sich in den letzten fünfzig Jahren nicht gerade übermäßig engagierte, wenn es sich um so Weltliches wie etwa Menschenrechtsverletzungen handelte, jetzt nicht zögert, engagierte Versuche, die Glaubensinhalte für den Menschen von heute verständlich und nachvollziehbar zu machen, disqualifiziert, denunziert, unmöglich macht; weil sie, die ihren weltlichen Triumphalismus kühl kalkugeistigen Triumphalismus aufbaut.

Der Kompromiß mag zwar das inneruniversitäre "Problem Küng" gelöst haben – geblieben sind die Fragen, die den "Fall Küng" auslösten, die Diskrepanzen also zwischen Rom und den Bischöfen auf der einen und einer ganzen Gruppe von Theologen auf der anderen Seite über Unfehlbarkeit und Geburtenkontrolle, Eucharistielehre und Zölibat, die göttliche Natur Jesu und die Rolle der Frau in der Kirche. Denn: was heute mit Küng geschieht, droht morgen den Metz, Greinacher, Schillebeeckx. Das Impressum der Zeitschrift "Concilium" könnte über Nacht zu einer Schwarzen Liste werden. Heinz Josef Herbort