Das war schon eine verrückte Zeit in Berlin, damals, bis 1967, bevor Benno Ohnesorg erschossen wurde. Es gab Kunstkämpfe zwischen Franzosen und Atlantikern, zwischen Tachisten und Action Painters, dann kam der Einfluß von Pop Art und Neuem Realismus, und die Figurativen kämpften gegen die Abstrakten. Auch Politisches berührte die Kunst, die Ausstellung "Berlin – Ort für die Freiheit der Kunst" 1960 im Schloß Charlottenburg machte einiges klar und wurde schon drei Jahre später schöne Wirklichkeit, als ein Bild von Georg Baselitz vor Gericht erfolgreich gegen den Anwurf der Pornographie verteidigt werden konnte. Und vor allem gab es den Kampf zwischen Rhein und Spree, zwischen Beuys-Richter/Polke und Baselitz/Schönebeck/Lüpertz.

Das alles wurde so erlebt von Johannes Gachnang. Er hat von 1963 bis 1967 im Berliner Atelier von Hans Scharoun gearbeitet und ist heute Direktor der Kunsthalle Bern und Organisator der Hauptveranstaltung der diesjährigen, von der Interessengemeinschaft Berliner Kunsthändler unternommenen "Kunsttage Berlin", einer Ausstellung mit dem irreführenden Titel "Der gekrümmte Horizont – Kunst in Berlin 1945–1967" in der Akademie der Künste.

Gachnang, der sich von Scharoun beeinflußt sieht, macht seine Berliner Jahre zum Ausgangspunkt der Schau und geht ebenso konsequent wie bewußt irrational, unlogisch, verunklärend und ahistorisch vor, kurz: er präsentiert uns eine subjektive Sicht der Ereignisse.

Er beginnt mit Utopien, mit nicht verwirklichten Architekturentwürfen Scharouns und des Holländers Constant und zeigt dann mit Uhlmann und dem Kölner Nay den Einfluß der Pariser Schule – hier vertreten durch Wols, den Italiener Piero Dorazio und den Österreicher Arnulf Rainer – auf Berlin. Ihre Überwinder und Nachfolger Trier, Bachmann, Thieler und der Venezianer Vedova sind schon im großen Hauptraum der Akademie untergebracht, der beherrscht wird durch Gachnangs Anliegen, die "Pathetischen Realisten" Baselitz, Markus Lüpertz, Eugen Schönebeck und die Skulpturen Antonius Höckelmanns. Amerikanischer Einfluß wird deutlich an den Künstlern um René Block, der 1964 seine Galerie eröffnete: den Berlinern Hödicke, Gosewitz, Schmit und Brehmer und den Rheinländern Polke und Richter. Dazu kommt als Fluxus-Gestalt Joseph Beuys.

Weiter geht’s, Gachnangs Herz schlägt für die Außenseiter, mit den Phantasten und Surrealisten Altenbourg und Schröder-Sonnenstern, dem Amerikaner Henry Miller und dem Österreicher Günter Brus; mit den "Arkadischen" Paul Strecker, Werner Gilles, Hans Kuhn und Curt Lahs, die zeigen, daß man auch gleich nach ’45 das reale Berlin vergessen konnte. Es endet schließlich mit Hofers "Totentanz" und Heids traurig-pathetischem "Berlin am Meer". Man ist am Ende der Schau und am Anfang.

Es wäre müßig, all das Fehlende und das historisch Schiefe anzuführen, weil Gachnang es stets mit dem Argument der Subjektivität widerlegen könnte. Er hat eine sehr frische, sinnlich erlebbare Ausstellung gemacht, mit einem schönen Konzept, einer schönen Architektur und schönen Bildern – dem Ausstellungsthema wird er jedoch nicht gerecht; das von den Kunsthändlern doch angesprochene breite Publikum reagiert eher mit Verwirrung.

1967, Ende der Ausstellung, das letzte gute Jahr? Eine Begründung für diesen Schlußpunkt findet man nicht nur in Gachnangs Weggang aus Berlin. Es wehte ein neuer Wind; eine neue Künstlergeneration – die Kritischen Realisten – etablierte sich und wurde im Haus am Waldsee erstmals umfassend präsentiert. Hier setzt nun die Galerie Poll ein und zeigt, was sich um die Mitte der sechziger Jahre entwickelte und bis vor kurzem die Berliner Szene bestimmte: frühe Werke von Petrick, Sorge, Diehl, Baehr, Schmettau und so weiter, die jene Aufbruchstimmung wiedergeben.

Und heute? Wieder einmal schichtet sich die Kunstszene um. Block hat seine Galerie geschlossen, und die Generation der Kritischen Realisten wird abgelöst durch Jüngere, die in der Tradition der deutschen Expressionisten oder in der Nachfolge von Jackson Pollock oder Jasper Johns arbeiten; das Haus am Waldsee hat mit den "Heftigen Malern" der Galerie am Moritzplatz wiederum Zeichen gesetzt. Jenseits von Akademie und Poll, in den Hinterhof-Fabriketagen von Schöneberg und Kreuzberg, ständig vom Abriß bedroht, entwickelt sich die tatsächlich zeitgenössische Kunst, die Gachnang mit seiner Schau, offene, schon fast vermoderte Türen einrennend, verteidigen will. Diese Kunst (vielleicht im nächsten Jahr) zum Hauptthema der Kunsttage zu machen, das entspräche in der Tat Gachnangs "Hoffnung, daß man die zeitgenössische Kunst... als Ausdruck unsrer Zeit betrachten möge" und ihr nicht "den gebotenen Respekt verweigert". (Akademie der Künste, bis 1. Mai, Katalog 10,– DM; Galerie Poll, bis 8. Mai, Katalog 5,– DM.) Ernst Busche