Bremen

Aus Bremen, dem kleinsten Land der Bundesrepublik, dringt häufig Skandalöses in den Rest der Welt, und der Anteil Bremerhavens daran ist nicht gering. Bremerhaven mit seinen 140 000 Einwohnern ist ein Teil des geographischen Unikums "Bundesland Bremen" (560 000 Einwohner). Ohne die Seestadt Bremerhaven, die 60 Kilometer entfernt von Bremen in Niedersachsen liegt, wäre Bremen eine Stadt, aber kein Land. Der Bremer Senat (Landesregierung) weiß das natürlich, und er verteilt immer dann, wenn die Bremerhavener aufmüpfig werden und auf einem Auge mit Niedersachsen kokettieren, verschwenderisch Streicheleinheiten in Richtung Unterweser.

Der Regierungschef des Landes Bremen, Bürgermeister Hans Koschnik, hat auch allen Anlaß, nett zu Bremerhaven zu sein. Von dort nämlich kommt, seitdem es mit den Sozialdemokraten in Bremen-Stadt leicht abwärts geht, die Sicherung der absoluten SPD-Mehrheit. Bremerhaven wählt SPD, auch wenn alle Welt schwört, diesmal würden es die Sozis wegen Verfilzung und Vetternwirtschaft aber zu spüren bekommen.

Der vor einigen Jahren wegen des Baus einer überdimensionalen Müllverbrennungsanlage am meisten angegriffene SPD-Funktionär Werner Lenz ist heute Oberbürgermeister von Bremerhaven. Daß er nicht mit sich spaßen läßt, bekommt in diesen Wochen Zoodirektor Götz Rümpler zu spüren. Den beunruhigt ein auffälliges Tiersterben, und er ist sicher, es kommt von bleihaltiger Luft. Werner Lenz läßt so etwas nicht auf seiner Seestadt sitzen, die Luft dort, sagt er, sei so gut wie die im Schwarzwald, aber in Rümplers Zoo sei wohl nicht alles in Ordnung. Die Presse schreibt von einem Skandal, und man wird sich vor Gericht wiedertreffen.

Natürlich ist nicht alles skandalös, was von Bremerhaven kommt, im Gegenteil. Bisweilen kann das große Bremen sich ein bißchen sonnen im Glanz der kleinen Dependance. Das Deutsche Schiffahrtsmuseum wert nicht etwa Bremen, sondern Bremerhaven, und das Deutsche Polarforschungsinstitut, das das Land Bremen der Stadt Kiel wegschnappen konnte, wird ebenfalls in Bremerhaven angesiedelt. In diesen Tagen kommt Bremerhaven wieder einmal weltweit vor.

Die ehemalige "France", einst das größte Passagierschiff der Welt, wurde bei der Hapag Lloyd Werft in Bremerhaven zur "Norway", dem größten Musikdampfer der Welt umgerüstet. Anfang der Woche ging das Prachtstück ohne Beteiligung der Öffentlichkeit auf technische Probefahrt bis vor Norwegen. Nach seiner Rückkehr wird das Schiff noch ein paar Tage lang in der Werft von Bremerhaven liegen. Nach der Übergabe an den norwegischen Reeder geht die erste Fahrt dann in Richtung Oslo und von dort nach New York. Bremerhaven bekommt diesen Inbegriff von weltweitem Luxus dann lange nicht mehr zu Gesicht.

Man erzählt sich, die Franzosen, die begreiflicherweise die Umrüstung: der "France" gern selbst vorgenommen hätten, könnten es noch immer nicht ganz fassen, daß die Deutschen ihre Termin- und Kostenkalkulation beim Umbau eingehalten haben. Weil das Schiff nun sogar sechs Wochen früher als versprochen fertig ist, bekommt jeder der 1700 Arbeiter vom Reeder eine Pünktlichkeitsprämie von 350 Mark. Voilà!

Lilo Weinsheimer