Hans guck in die Luft

Kommt jetzt der Schock, der die Bundesrepublik endlich aus ihrer energiepolitischen Lethargie reißt? Wird die Stimmung des "irgendwie wird es schon klappen" jetzt vielleicht doch noch der Erkenntnis weichen, daß die Lösung existentieller Fragen nicht mit dem Hinweis "in dieser Generation politisch nicht durchsetzbar" auf unbestimmte Zeit verschoben werden kann?

Die Ölpreiskrise von 1973/74 hat zwar zunächst bei Politikern und Verbrauchern hektische Reaktionen hervorgerufen; doch dann haben sich die Gemüter ziemlich rasch wieder beruhigt. Alles halb so schlimm, blinder Alarm. Die rasanten Ölpreissteigerungen der vergangenen Monate haben kaum noch Eindruck gemacht. Einige Politiker, von denen man sonst das ganze Jahr hindurch nichts hört, übten sich zwar in ritueller Beschimpfung der Ölkonzerne. Mieter haderten mit den Hausbesitzern wegen höherer Heizungskosten. An den Tankstellen murrten ein paar Autofahrer, zahlten dann aber anstandslos den höheren Benzinpreis – und ab ins Wochenende.

Wozu auch aufregen? Benzin ist in Wirklichkeit doch gar nicht teurer geworden. Da sich die durchschnittlichen Einkommen in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt haben, kostet der Treibstoff real nicht mehr als 1970. Und damals hatten wir mit 56 Pfennig für einen Liter Normalbenzin den niedrigsten Tankstellenpreis seit Ende des Krieges. Damals wie heute fließt zudem der Sprit in ausreichender Menge aus den Zapfsäulen.

Doch noch nie war die Gefahr so groß wie heute, daß es damit bald vorbei sein könnte. Der deutsche Hans-guck-in-die-Luft könnte schon bald in die Energiefalle tappen.

Eine Verschärfung der Iran-Krise könnte den teuren, aber immerhin ausreichenden ölstrom aus Nahost schon bald zu einem dünnen Rinnsal werden lassen. Durch die Straße von Hormuz wird schließlich nicht nur iranisches Öl transportiert. Wenn es dort knallt, bleiben auch die Lieferungen aus Saudi-Arabien, Kuwait, Quatar und den Vereinigten Emiraten aus – selbst wenn diese Staaten noch liefern wollen. Libyen und Algerien Haben bereits erkennen lassen, daß diese Bereitschaft bei ihnen begrenzt ist.

Vielleicht dämmert jetzt in den Köpfen derer, die bisher dachten, über Energie könnten wir noch endlos lange palavern, die Erkenntnis, wie dünn der Faden ist, an dem unsere wirtschaftliche Existenz hängt. Vielleicht begreifen sie jetzt endlich, wie abhängig wir uns von der Lieferfähigkeit und -willigkeit politisch unstabiler Staaten gemacht haben. Vielleicht wird der Selbsterhaltungstrieb, der in den Zeiten des Überflusses sanft entschlummert war, angesichts der Bedrohung doch noch wach.

Jetzt, wo die Gefahr einer echten Energiekrise so nahe gerückt ist wie noch nie, wird vielleicht manchem bewußt, welche Verantwortung diejenigen auf sich genommen haben, die jahrelang mit allen Tricks und Kniffen den Bau neuer Kohle- und Kernkraftwerke hintertrieben haben. Die einzig wirkliche Chance, unsere Abhängigkeit von den unberechenbaren Herren des Öls rechtzeitig zu verringern, ist damit verspielt worden.

Hans guck in die Luft

Sich jetzt auf die Suche nach der verlorenen Zeit zu machen und über Fehler und Versäumnisse der Vergangenheit zu grübeln, hilft aber auch nicht weiter. Jetzt hilft nur noch Ärmel aufkrempeln und da energisch weitermachen, wo schon vor Jahren die Schaufel hingeworfen wurde – in Brokdorf und anderswo.

Michael Jungblut