Von Micaela v. Marcard

Jährlich werden in der Bundesrepublik zwischen 15 000 und 400 000 Kinder mißhandelt. 400 sterben an den Folgen dieser Mißhandlungen. Beratungsstellen für Kinderschutz und Kindesmißhandlungen aber gibt es nur in Berlin, München, Hamburg und Gütersloh.

Hamburg: An der kahlen, weißen Wand hängt ein Photo. Es zeigt ein bis zum Skelett abgemagertes Kind. Sein Körper ist über und über mit Striemen bedeckt. In dem Büro der Beratungsstelle in der Hamburger Straße 131 sitzt die 29jährige Sozialarbeiterin Maria Gerhard. Sie deutet auf das Photo an der Wand: "Wir haben uns zur Aufgabe gemacht, diesen Kindern zu helfen. Wir brauchten endlich eine wirklich kompetente Stelle, an die sich jeder wenden kann, der Hilfe braucht, nicht nur die Betroffenen, sondern auch Lehrer, Schulärzte, Freunde und Nachbarn. Ihnen muß die tiefliegende Angst vor Behördengängen genommen werden."

Maria Gerhard vermutet, daß nur zehn Prozent aller Mißhandlungen bekannt werden, der Rest bleibt im dunkeln. Wie jener Hilferuf, den das Bandgerät der Beratungsstelle aufzeichnete: "Helft uns bitte – unser Vater schlägt uns immer – vor kurzem hat er meinen Bruder blutig geschlagen – das könnt ihr doch nicht zulassen – helft uns – ich bin elf Jahre alt und wohne in Steilshoop – meine Name ist – Hilfe – helft uns doch" ... im Hintergrund Schritte – "Nicht schlagen" – Auflegen des Hörers.

Der Anrufer konnte nie ermittelt werden. Aus Angst vor neuen Schlägen schrecken viele Kinder davor zurück, bei der Beratungsstelle anzurufen. Andere sind noch viel zu klein, um überhaupt telephonieren zu können. Die Beratungsstelle will daher die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung verstärken, die sich zumeist in Mitleid und emotionalen Überreaktionen erschöpft. Eine Möglichkeit sieht Maria Gerhard in der sachlichen Erklärung der geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen durch Kindesmißhandlungen. Plakate in den U-Bahnen werben für die Beratungsstelle.

"Unsere Erfahrung zeigt, daß die Betroffenen meistens aus den sozialen Randgruppen stammen", sagt Maria Gerhard, "durch beengende Wohnverhältnisse, Arbeitslosigkeit und materielle Sorgen stauen sich bei den Eltern Aggressionen, die sie an den Kindern ablassen. Das auslösende Moment für die Gewalttätigkeit ist häufig Alkohol." Nicht selten stammen die Eltern selber aus Elternhäusern, in denen Schläge als legitimes Mittel der Erziehung galten. Der Vater versteht sich als diktatorisches Oberhaupt, Mutter und Kinder müssen sich unterordnen. Erwartungen, die die Kinder unmöglich erfüllen können. Schläge und Verzweiflung sind die Folge. Zurück bleiben aggressive oder verschreckte Kinder, die nicht nur körperlich, sondern auch geistig leiden.

Das Telephon klingelt. Einer von sechs bis sieben Anrufen täglich. Anfangs ist es Frau Gerhard schwergefallen zu unterscheiden, ob die Anrufe ernstgemeint waren oder nicht. Inzwischen hat sie aber ein richtiges "Gespür dafür bekommen, ob wirkliche Besorgnis dahintersteckt oder ob ein Nachbarschaftszwist über uns ausgefochten werden soll." In Ernstfällen verständigt Maria Gerhard das Jugendamt und greift selbst ein – wenn sie Zeit hat. Sie versucht dann, Kontakt zu der Familie aufzunehmen, und tut alles, um ihr Vertrauen zu gewinnen.