Ulm/Donau

Gäb’s noch einen großen deutschen Satiriker, er würde bestimmt die Ulmer Universität zum nationalen Vergnügungszentrum machen", hieß es in einem Leserbrief an die örtliche Südwest Presse. Immerhin, der Kabarettist Dieter Hildebrandt amüsierte sich schon 1977 in seinen "Notizen aus der Provinz" über eine Ulmer Hochschulposse. Es ging damals um die Säuberungsaktion des Neurologie-Professors Hans Helmut Kornhuber, der die Universitäts-Studentenbücherei von einigen linken Autoren "befreien" wollte. Auf seiner Liste stand auch Hans Magnus Enzensberger.

Der Zufall wollte es, daß das Stadttheater im Dezember vergangenen Jahres das Enzensberger-Stück "Der Menschenfeind" inszenierte und den Schriftsteller für einen Probenbesuch nach Ulm einlud. Auf Wunsch von Studenten sollte bei dieser Gelegenheit ein Diskussionsabend mit Enzensberger in der Universität stattfinden. Die Veranstaltung wurde aber vom Rektor untersagt. Es ist ein offenes Geheimnis, daß Professor Kornhuber für dieses Verbot gesorgt hat. Seine Begründung: "Die Linken planten zusammen mit Enzensberger ein Tribunal gegen mich."

Peinlich wurde die Geschichte, als bekannt wurde, daß die Universität zur selben Zeit den früheren Ulmer CDU-Stadtrat Siegfried Ernst reden ließ. Sein Thema: "Deutscher Porno-Export als Treibsatz der iranischen Revolution? Ebnet westliche Unmoral dem östlichen Ungeist die Bahn?" Bleibt zur Rettung der städtischen Ehre noch zu erwähnen, daß Enzensberger mit den Studenten im Theater diskutieren durfte.

Als Mitglied des Bibliotheksausschusses und Leiter des Studium generale hat sich Kornhuber an der Ulmer Universität selbst zum "Kulturpapst" gemacht, der sich mit besonderer Sorgfalt der Bekämpfung der Linken widmet. "Gibt es wirklich keine anderen Professoren, die ein unbelasteteres Verhältnis zur Kulturpolitik haben?" fragten die Studenten einer linken Basisgruppe in einem Flugblatt. Die Hochschullehrer aber überlassen dem politischen Eiferer weiterhin das Feld.

Kornhuber schreckt selbst vor lächerlichen Reaktionen nicht zurück: Einen Vortrag bei der Evangelischen Studentengemeinde in Ulm sagte er ab, als er erfuhr, daß im selben Raum, in dem er sprechen sollte, gelegentlich auch die studentische Basisgruppe tagt. In ihren Reihen seien getarnte Kommunisten, argwöhnt der Neurologe.

Seit Februar bläst zur Abwechslung auch dem streitbaren Professor einmal der Wind ins Gesicht. Es sind nämlich Aktionen von ihm bekannt geworden, die sich schwerlich mit akademischen Gepflogenheiten vereinbaren lassen. Um zu verhindern, daß sich der Leiter der Phoniatrischen Ambulanz, Professor Helge Johannsen, dem Sonderforschungsbereich "Psychotherapeutische Prozesse" anschließt, drohte Kornhuber: "Ich werde für das Ende Ihrer wissenschaftlichen Karriere sorgen." Auch wenn der Neurologe von "hinterhältigen und widerlichen Anwürfen" spricht, so kann er die Vorwürfe nicht vom Tisch wischen, Johannsen hat den Vorgang schriftlich zu Protokoll gebracht. Kornhuber suchte zum selben Zeitpunkt, als er Johannsen unter Druck setzte, Wissenschaftler für einen eigenen Sonderforschungsbereich (SFB). Hinzu kommt, daß der SFB "Psychotherapeutische Prozesse" von seinen Erbfeinden, den Psychotherapeuten, organisiert wird.

Wie tief diese Abneigung sitzt, beweist die Tatsache, daß Kornhuber als Leiter des Kopf- und Nervenzentrums vor einiger Zeit unangemeldet und ungefragt in der Ambulanz des Zentrums für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik auftauchte und die Sekretärin über die Qualifikation von Mitarbeitern ausfragen, wollte. "Dieser unübliche Vorgang hat erhebliches Aufsehen erregt", empörte sich der zuständige Zentrumssprecher, Professor Lungershausen. Derartige Kontrollgänge bei anderen Fachbereichen seien etwas völlig Unübliches, heißt es in einem Brief an Kornhuber. Helmut Groß