Von Gerti Wöhe

Zur See fahren – kaum ein Mann, der in seiner Jugend nicht irgendwann einmal daran gedacht hätte. Einige verwirklichten den Jugendtraum.

Derzeit sind in der deutschen Handelsschifffahrt etwa 30 000 Seeleute beschäftigt. Doch nur knapp 20 Prozent (5500) davon fahren als sogenannte "nautische Schiffsoffiziere" auf deutschen Schiffen; denn neben gutem Sehvermögen und, natürlich, der vom Amtsarzt bestätigten Seediensttauglichkeit gehört noch einiges mehr dazu, will man als Offizier zum Führungsstab eines Schiffes zählen. Abenteuerlust ist dabei nicht vorrangig zu bewerten. Charakterstärke, Führungstalent, die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, sich einordnen zu können, Selbstdisziplin und Überzeugungskraft, das sind Eigenschaften, die von Schiffsoffizieren als Voraussetzung für ihren Beruf genannt werden. Die Reedereien fügen gleich hinzu: ein Durchschnittszeugnis mit der Note befriedigend; darunter ist nichts zu machen.

Große Reedereien, die eigene Ausbildungsschiffe unterhalten, nehmen für die Laufbahn des nautischen Schiffsoffiziers mit AG-Patent (Große Fahrt) nur Bewerber mit Abitur auf, da für Realschulabsolventen andere Ausbildungszeiten gelten und sie somit nicht zusammen in einer Gruppe auf einem Ausbildungsschiff ausgebildet werden können. Doch in der Ausbildungsgemeinschaft für die deutsche Seeschiffahrt (AGS) gibt es auch für Realschulabsolventen die Möglichkeit, einen Ausbildungsplatz zu bekommen und dort ihre zwölf Monate Fahrzeit auf einem Schiff zu absolvieren. Dieses Praktikum ist Voraussetzung für den Besuch der Fachhochschule für Seefahrt.

Groß ist das Angebot an Ausbildungsplätzen allerdings weder für Realschüler noch für Abiturienten. Es gibt mehr Bewerber als freie Plätze. Die Ausbildungsplätze sind zu teuer. Der Mangel an Ausbildungsplätzen auf Schiffen ist auch der Grund für die rückläufigen Schülerbeziehungsweise Studentenzahlen an den acht Fach- und fünf Fachhochschulen für Seefahrt, die insgesamt 1978 nur 344 Absolventen hatten. An der Fachschule für Seefahrt in Lübeck, auf der man das AK- und AM-Patent (AK – Kleine Fahrt und Küstenschiffahrt, AM = Mittlere Fahrt) erwerben kann, war die diesjährige Absolventenklasse mit nur acht Schülern belegt.

Die Frage liegt nahe, warum nicht einige dieser Schulen zusammengelegt werden. Diese Frage hat sich und anderen der Verband Deutscher Reeder auch schon und nicht nur einmal gestellt – bislang ohne Erfolg. Seefahrtschulen haben Tradition und jedes Bundesland ist stolz auf diese zum Teil seit 150 Jahren bestehenden Einrichtungen. Kein Land will seine Schule aufgeben; und auch Lehrer und Dozenten haben meist als Beamte ein "Recht auf Beschäftigung".

Die Ausbildung auf den Fachhochschulen, die man mit Abitur oder Fachschulreife nach sechs beziehungsweise zwölf Monaten auf einem Ausbildungsschiff und zwölf Monaten Bordausbildung als Offiziersassistent in sechs Semestern erhält, wird von Reedereien, dem Verband Deutscher Reeder und alterfahrenen Seeoffizieren skeptisch beurteilt. Ein Absolvent der Fachhochschule verfügt mit dieser geringen Fahrzeit über zu wenig praktische Erfahrung. Als 3. Offizier, der noch 24 Monate Fahrzeit auf einem deutschen Schiff ableisten muß, ehe er das AG-Patent erhält, hat er aber nicht nur Verantwortung zu tragen, sondern muß auch Arbeiten einteilen und überwachen, in denen ihm der einfache Matrose oft weit überlegen ist.