Von Burkhard Bütow

Ich bin wohl zwei Dutzend Mal in Dänemark gewesen, und jedesmal hatte ich das eigenartige, anheimelnde Gefühl, ein märchenhaftes Spielzeugland zu betreten, in dem selbst die Uhren anders zu gehen schienen. Alles sah ein wenig wunderlich aus, nicht nur die Schrift, in der so eigenartige Buchstaben wie Ø und Å auftauchten, nein auch die behaglich engen Häuser und Straßen, die Telegraphenmasten, Tankstellen, Reklameschilder, Straßenlaternen und – Feuermelder wirkten auf mich, als seien sie der Phantasie des Märchenerzählers Hans Christian Andersen entsprungen. Doch im Dunstkreis der Großstädte hat Dänemark heute viel von dieser Beschaulichkeit und Eigenart verloren.

Fährt man nachts nach Kopenhagen hinein, säumen nacheinander gleichförmige Flächenbebauungen, öde Fabrikanlagen und die üblichen Wohnsilos mit ihrer hirnlosen Schuhkarton-Ästhetik eine Stadtautobahn von amerikanischen Ausmaßen. Und vor dem Zentrum drohen, wie Karpatenschlösser in Horrorfilmen, die blauviolett angestrahlten Schornsteine eines Kraftwerks. Hier sieht Kopenhagen wie jede beliebige Großstadt Europas aus, zersiedelt, häßlich und abstoßend. Doch wenn man die Altstadt erreicht hat, zeigt Kopenhagen selbst im noch unwirtlichen Frühling ungebrochene strenge Schönheit.

Kopenhagen gehört in dieser Jahreszeit den Kopenhagenern. Auf dem "Strøget", Europas wohl längster Fußgängerzone, lassen noch keine hübschen Mädchen ihre langen Beine in von Blumenarrangements geschmückte plätschernde Brunnen hängen. Noch stemmen sich Vermummte gegen einen bitterkalten Ostwind, der die kilometerlange, neonbeleuchtete Straßenschlucht mit Schnellzuggeschwindigkeit durchfegt. Kopenhagen kann im April noch bitterkalt sein. Doch sobald man vor dem unbehausten Wetter in eines der kleinen Cafés, Restaurants oder in eine Kneipe floh, entpuppte sich diese Stadt als Ort der Wärme und Behaglichkeit.

Gleich bei meiner Ankunft bekam ich einen kleinen Schock: An Stelle des legendären Jazzclubs "Vingården" fand ich ein stinklangweiliges spanisches Restaurant. Dieser "Vingården" war ein in Europa wohl einmaliges Phänomen, denn seit 25 Jahren wurde hier die gleiche Musik gemacht: Oldtime-Revival-Jazz. Immer wenn ich nach Kopenhagen kam, fand ich in diesem von der Zeit unberührten Club an der Nicolai-Kirche – unter einem Mobile aus alten Fahrradteilen – Papa Bues leicht angestaubte "Viking Jazz Men". Vor einem längst vergessen geglaubten Publikum aus kinnbärtigen, ungeheuer ernsthaften Dufflecoat-Existentialisten und bleichgeschminkten, schwarzgekleideten Juliette Grécos zelebrierten sie ihre anachronistische Musik.

Nun ist er leider seit einem halben Jahr geschlossen. Doch unmittelbar nebenan gibt es am Nikolaj Plads eine neue Jazzkneipe. Sie heißt übersetzt "Die drei Musketiere", und zu meinem Erstaunen macht man dort die gleiche Musik wie damals im "Vingården: Dixieland.

Anders als in Deutschland hat diese Musik in Kopenhagen Tradition, ein begeistertes Publikum und – was am wichtigsten ist – Nachwuchs. Zwanzigjährige spielen dort frisch und unbelastet einen Jazz, der bei uns nur noch von Mumien für Mumien müde heruntergescheppert wird. Und dazu tanzt man in Kopenhagen wie vor zwanzig Jahren: Foxtrott-Griff, einfacher links-rechts-Schieber, und schon kann ein herrlicher Flirt starten!