"Blicke", Gedichte von H. G. Adler. Es existieren bei uns heute drei Arten von Lyrik nebeneinander, weitgehend ohne jeglichen Berührungspunkt: die Moderne, die sogenannte Postmoderne (Beat- und Underground-Nachfolge) und die konventionelle Dichtung, die nach Empfindung und gestalterisch dort endet, wo die Moderne beginnt. H. G. Adler ist ein Autor des dritten Typus. Die Verse seines Bandes "Blicke", die nicht in diesen Jahren, sondern zwischen 1947 und 1951 entstanden, sind in ästhetischer Hinsicht keine zeitgenössischen Arbeiten; ihre Aktualität liegt auf der menschlichen Ebene. Das Schicksal des 1910 in Prag geborenen Poeten ist unlösbar mit dem der Juden verbunden. Das weist auch bereits die Bibliographie aus, die Dokumentarisches über Theresienstadt enthält sowie "Studien zur Deportation der Juden aus Deutschland" (so der Untertitel des Buches "Der verwaltete Mensch", Tübingen 1974). Als Lyriker ist Adler auf eine zeit verschobene Weise ein redlicher Handwerker, der etwa schreibt: "Ins Auge gespießt, fremdes Gebilde, / Welt-Schmerz gestorbener Frucht, / Leidzehrung winternder Wegstillten..." Adler, der in London lebt und Präsident des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland ist, gestaltet seine lyrischen Arbeiten nach den Melodien und Kunstvorstellungen von gestern: "Jetzt ist es Nacht in sommernder Süße." Oder, sentenziös und mit Pathos: "Wer nur die Freiheit will, / dessen Trauer wird schamvoll, ohne Zuhause (Verlag europäische Ideen, Berlin, 1979; 66 S., 7,– DM.)

Hans-Jürgen Heise

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"Kunstland DDR", von Josef Adamiak und Rudolf Pillep. Wer um der Kunst willen durch die DDR reist, kann seine Bibliothek ergänzen: Er kann neben andere bei uns und in der DDR erschienene Kunst-Wegweiser einen neuen stellen, vor kurzem erschienen im Leipziger Buch- und Kunstverlag VEB E. A. Seemann, in Lizenz nun auch in der Bundesrepublik herausgegeben. Die beiden Kunsthistoriker aus der DDR beweisen profundes Wissen. Das Buch erzählt im Detail von Schlössern, Burgen, Klöstern, Bürgerhäusern. Kaum eine Pfarrkirche scheint ausgelassen. Hilfreich die Einführung, in der die Entwicklung von Architektur und Kunst im Gebiet der heutigen DDR umrissen wird. Den 25 Abschnitten, in welche die DDR als Kunstlandschaft aufgeteilt ist, wurde jeweils eine Obersichtskarte und eine allgemeine Einführung vorangestellt. Bei den Beschreibungen der einzelnen Orte fehlen auchbemerkenswerte architektonische Zeugen aus jüngster Zeit nicht. Ein großer Mangel des Buches: seine Unübersichtlichkeit. Einzige Suchhilfen im fast völlig ungegliederten Text sind die fett gedruckten Orte und die kursiv gedruckten Gebäude. Und noch eine Klage, die man allerdings auch manchem anderen Kunstführer nicht ersparen kann: Warum müssen Text und Photos in solchen Büchern so einschläfernd steril sein? (Verlag C. H. Beck, München, 1979; 363 S., 39,50 DM.) Marlies Menge

"Die Außerirdischen sind da – Umfrage... anläßlich einer Landung von Wesen aus dem All." Der Verlag Matthes & Seitz löcherte Gott und die Welt schriftlich mit der fiktiven Frage: Angenommen: "Es entstünde, folgende Situation. Die Außerirdischen machen sich auf der Erde bemerkbar. Welche Phantasie wird in Ihnen durch ein solches Ereignis geweckt, welche Reaktion würde es auslösen?" Da das Unvorstellbare eben nicht vorstellbar ist, brachten zig Prominente und Inprominente ihr Unbewußtes zum Brodeln und erbrachen es, wild darauf, anthologisiert zu werden, in die Schreibmaschine. Einige der Genotzüchtigten kamen mit Lyrik nieder, malten und photographierten à la Science Fiction oder sonderten pseudowissenschaftlichen Qualm ab. Ein Jahrmarktsbude voller Hypnotisierter – brabbelnd und gestikulierend. – Die vernünftigsten Beiträger aber winken ab. Elisabeth Lenk gibt Herrn Matthes Zunder: "Dergleichen Gedankenspiele scheinen mir sehr männlich und langweilig, Ausgeburten eines seit 2000 Jahren trockengelegten Hirnes." Herbert Achternbusch meint schlicht: "Ich bin ein Außerirdischer", und der Science-fiction-Spitzenautor Stanislaw Lem sieht sich durch die Verlagsumfrage vor die "Quadratur des Kreises" gestoßen: "...sollte das nur ein Spaß sein, so glaube ich nicht, Ihre Erwartung mit einem Witzquittieren zu dürfen." Ota Filip meint, die Menschheit sei vermutlich nichts als Sozialschrott – von weit her auf diesen blauen Planeten abgeschobene "Betrüger, Hochstapler und Lumpenpack: Wir sind, leider, die Strafanstalt der Galaxie". – Wer will, kann seinen kosmischen Knast mit Anthologien dieser Art verschärfen. (Matthes & Seitz Verlag, München, 1979; 336 S., 28,– DM.)

Hans-Hermann Kersten