William Tolbert, Präsident des als "stabil" geltenden Liberia, ist am Wochenende gestürzt worden.

Anführer des Militärputsches und neuer Machthaber in dem westafrikanischen Land ist der 28jährige Hauptfeldwebel Samuel Doe. Er erklärte in seiner ersten Fernsehansprache, er wolle eine "neue Gesellschaft" schaffen.

Der 66 Jahre alte Präsident Tolbert war am Samstag erschossen worden. Minister und enge Mitarbeiter des Ermordeten sollen vor ein Gericht gestellt werden. Ihnen droht die Todesstrafe. Die Putschisten begründeten ihre Aktion mit der "zügellosen Korruption und dem anhaltenden Unvermögen der Regierung, die Angelegenheiten des Volkes wirksam zu regeln."

Es handelt sich um den ersten Putsch in der Geschichte des Landes. Für die meisten Beobachter kam er völlig überraschend, denn Liberia galt als "stabiler" Staat, der autoritär-patriarchalisch regiert wurde. Regierung und zahlreiche Erwerbszweige wurden weitgehend vom Tolbert-Clan kontrolliert.

Erste Anzeichen für Unruhe im Lande gab es im April vergangenen Jahres, als die Polizei ein blutiges Gemetzel unter Demonstranten veranstaltete, die gegen drastische Reispreiserhöhungen protestierten. Die Tolberts sind die größten Reisbauern in Liberia. Die "Fortschrittliche Allianz für Liberia" (PAL) wurde verboten und erst im Januar als "Progressive Volkspartei" (PPP) und damit als einzige Oppositionspartei zu der bis dahin allein bestehenden True Whig Party zugelassen.

Doch bereits im vorigen Monat wurde die PPP wieder verboten, als sie den Rücktritt Tolberts forderte und zum Generalstreik aufrief. Ihre Führer wurden verhaftet. Parteichef Gabriel Matthews ist jetzt von den Putschisten zum neuen Außenminister ernannt worden.

Über den neuen Regierungschef Doe ist wenig bekannt. Er gehört zu den Ureinwohnern Liberias, die 95 Prozent der 1,5 Millionen Bevölkerung stellen, und die seit der Gründung dieser ältesten afrikanischen Republik im Jahre 1847 benachteiligt sind. Tolbert hingegen zählte zu den privilegierten 45 000 freedmen, den Nachkömmlingen freigelassener amerikanischer Negersklaven, die von Anfang an Wirtschaft und Politik beherrschten.