Von Helmut Schödel

In der Nacht des 22. September 1782 floh Schiller nach Mannheim. Nach der Uraufführung der "Räuber" im Mannheimer Nationaltheater hatte Schiller in Stuttgart Schreibverbot, drohte sein Herzog ihm mit Festungshaft. So verließ er mit zwei Koffern, einem Klavier und seinem Freund Streicher die Stadt. Am Morgen erreichten sie die kurpfälzische Grenze, einen Tag später die Festung Mannheim. Reichsfreiherr von Dalberg, der Intendant des Nationaltheaters, war zur selben Zeit Gast des Herzogs in Stuttgart. Schiller schrieb an den Herzog: "Ich habe keine Aussichten mehr, wenn Eure Herzogl. Durchlaucht mir die Gnade verweigern sollten ... Schriftsteller sein zu dürfen – Eurer Herzoglichen Durchlaucht untertänigsttreugehorsamster Schiller."

Die Straßen der Mannheimer City tragen keine Namen. Die rechteckigen Häuserblöcke sind numeriert, die Straßen schneiden sich im rechten Winkel. Ein Platz in der City, der eigentlich B3 heißen müßte, heißt Schillerplatz. Zwischen den grauen Mietshäusern von C3 und B2 steht sein Denkmal, aus Bronze, voll Grünspan. Schiller steht am Schillerplatz. Das Nationaltheater steht am Goetheplatz. Nach der Zerstörung des alten Theaters im Zweiten Weltkrieg wurde in den fünfziger Jahren ein riesiger Kasten aus Glas und Beton gebaut. Davor wehen blaue Fahnen: "200 Jahre Nationaltheater".

Er halte es für eine gute Sache, sagte der Mannheimer Oberbürgermeister am 16. Juli 1979, im Jubiläumsjahr des Theaters, wenn das Schauspiel zu den Städtischen Bühnen Heidelberg übersiedeln würde und nur noch die Mannheimer Oper, verstärkt durch die Heidelberger, in Mannheim bliebe. Damit wollte Ludwig Ratzel erreichen, daß eine geplante Musikhochschule in Mannheim statt im nahen Heidelberg gebaut würde.

Über das Schauspiel wußte der Oberbürgermeister drei Monate später auch in seiner Festrede nichts Gutes zu sagen. Nach dem Festakt im Nationaltheater stand im "Mannheimer Morgen": "Dr. Ludwig Ratzel...ließ eine gewisse Animosität gegen das Mannheimer Schauspiel unverhohlen erkennen. Was den Intendanten des Hauses, Arnold Petersen, zu temperamentvoller Erwiderung veranlaßte. Er sei stolz darauf, Chef des Instituts zu sein, dem gerade dieses Schauspiel angehöre. Ein Schauspiel, das er nicht schlechter finde als die Ensembles zu Dalbergs oder zu Siolis oder zu Maischs Zeiten." Des Reichsfreiherrn von Dalberg unbequemer Kollege, der Mannheimer Schauspieldirektor, heißt Jürgen Bosse.

Inzwischen begeht das Schauspiel des Nationaltheaters seine 201. Spielzeit. Bosses Inszenierung von Arnolt Bronnens "Vatermord" ist zum Berliner Theatertreffen eingeladen, seine Inszenierung von Botho Strauß’ "Groß und klein" zum "Festival Rassegna internazionale di Teatri stabile" in Florenz.

Im "Mannheimer Morgen" forderte eine Leserin, anläßlich des Theaterjubiläums solle das Schillerdenkmal von seinem Schattendasein erlöst werden und wieder einen ihm gebührenden Platz einnehmen.