Von Karl Ruhrberg

Toleranz ist der Feind, den wir zu bekämpfen haben." Der unselige Paul Lagarde lieferte das Stichwort. Das Echo hallt nach bis in diese Tage. Dabei stehen wir am Ende des ersten Drittels der achtziger Jahre. Nicht nur in der bayerischen Metropole hat sich die repressive Intoleranz etabliert: München ist überall, auch in Recklinghausen bei den Ruhrfestspielen und in der Vorstandsetage des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Düsseldorf (an einer Straße gelegen, die den verpflichtenden Namen Hans Böcklers trägt). Und das in zunehmendem Maße.

Man hätte sich daher von den obligatorischen Rückblicken auf die siebziger Jahre und den Ausblicken auf die achtziger etwas anderes versprochen als das, was in den Kulturmagazinen der sogenannten Massenmedien geboten wurde. Da stellte man beispielsweise in einer Fernsehdiskussion angestrengte Überlegungen darüber an, wer wohl – wie in den Sechzigern Adorno-Horkheimer-Marcuse – "Leitbild" für die Jüngeren und überhaupt gewesen sei. Literarisch, so resümierte man resigniert, niemand. Musikalisch: die Frage wurde erst gar nicht gestellt. Aber bei der bildenden Kunst hielt man endlich einen Fisch an der Angel. Wie mag er wohl geheißen haben? Joseph Beuys natürlich, der in jedem Kunst-Streitgespräch Unvermeidliche.

Doch die apodiktische Feststellung stimmt in mehrfacher Hinsicht nicht. Erstens war Beuys allenfalls das Künstleridol der sechziger Jahre. Zweitens gibt es ein eklatantes Mißverhältnis zwischen seiner enormen Publizität und seiner tatsächlichen Breitenwirkung. Drittens war selbst unter den Philosophen höchstens der schwächste der Denker-Trias und ihrer Erben, nämlich Herbert Marcuse, eine Zeitlang ein "Leitbild", allerdings eines mit enormer politischer Brisanz, die sich schließlich gegen ihn selbst wandte. Anders als Beuys war er nicht nur der Prophet für ein paar Eingeweihte in der kleinen Welt der Kunst, in der Beuys trotz aller Ausbruchsversuche bis auf den heutigen Tag verwurzelt ist, und der es – mag man dies bedauern oder nicht – an bewußtseinsbildender politischer Effizienz in erheblichem Maße ermangelt. Viertens gilt es bei Beuys zu unterscheiden zwischen einem bedeutenden spätgeborenen, im Grunde durchaus nicht "avantgardistischen" Künstler mit der ganzen Melancholie und dem Endzeitbewußtsein einer späten Kultur und dem Protagonisten einer aus den verschiedensten Ingredienzen gemischten, unscharfen, anti-rationalistischen Privatphilosophie; Beuys fasziniert mit seiner Heilsgewißheit inmitten einer unheilen Welt, sein religiös grundierter Irrationalismus hat zweifellos etwas Verführerisches in einer glaubenslosen Zeit, in der die Ideologie-Kriege die Religionskriege abgelöst haben.

Die Erlösung vom oft genau in die Sackgasse führenden logisch-analytischen Denken, sowie der Ersatz einer heilsamen Wissenschafts- und Wachstumskritik durch blauäugige Sozialromantik und grünäugiges "Zurück in die Natur!" hat in ihrer Eindimensionalität und ihrer partiellen Realitätsblindheit (an der – außer an sich selbst und dem verstockten Konservatismus der ewig Fortschrittsgläubigen – auch der Idealist Erhard Eppler gescheitert ist) etwas Gefährliches. Solches Philosophieren kann nur dann an den Schlaf der Welt rühren, wenn es sich nicht auf die Dauer der Wirklichkeit verweigert. Aber wie auch immer: der Glaube an den "Großen Mann" feiert in der eindrucksvollen Dostojewskij-Gestalt des Joseph Beuys fröhliche Urständ, und wo kein Glaube ist, da ist wenigstens Magie, mit der, wenn ich einem prominenten amerikanischen Kollegen glauben darf, dieser Künstler alle Dinge begabt, die durch seine Hände gehen.

Aber was heißt das schon: Leitbild eines Dezenniums zu sein? Wer von uns Mitlebenden eines so überaus aufgeklärten Säkulums hätte es wohl gewagt, aus so kurzer Distanz endgültige Urteile zu fällen? In dieser perspektivlosen Kurzatmigkeit gewinnt allerdings ein Phänomen Konturen, das Pierre Bertaux für das wahre Charakteristikum unserer Zeit hält: die potenzierte Beschleunigung aller Lebensprozesse und damit zugleich ihrer Komplexität.

Es wäre zu wünschen gewesen, man hätte zu Beginn eines neuen Jahrzehnts etwas weniger akademisch spekuliert und – bescheidener – sich mit konkreteren und bedrängenderen Problemen beschäftigt. Zum Beispiel – jenseits von Beuys – mit der widersprüchlichen Situation der bildenden Kunst im politisch-sozialen Spannungsfeld unserer Tage. Mehr als die Frage, ob Beuys nun der Größte oder nur ein Großer unter den Kunst-Champions seiner Generation ist, mehr als die traurige Feststellung, es gebe keine dominierende Tendenz in der Kunst von heute (als es sie noch gab, wurde sie – von der Ecole de Paris über Tachismus und Action Painting bis hin zur Pop-, Op-, Minimal- oder Concept-Art – mit Vorliebe als kurzlebige Modeerscheinung apostrophiert).