Mehr als das hätte eine Untersuchung dessen interessiert, was eigentlich mit der bildenden Kunst und ihrer Resonanz in der Öffentlichkeit vor sich gegangen ist. Vom trostlosen Scheitern der großen Idee einer Nationalstiftung an kleinkarierter Eifersucht und Kompetenz- und Standortgerangel bis zum Besuchererfolg einer im Grunde verkorksten documenta; vom Aufblühen der Retrospektiven als entweder nostalgische, das Staatsbewußtsein – was immer das sein mag – fördernde oder aufklärerische, ein neues Geschichtsbewußtsein ankündigende Ereignisse (oder vielleicht beides) bis zum endgültigen Scheitern ideologisch indoktrinierter agitatorischer Kunst (in der Klaus Staeck, der für seinen sarkastischen treffsicheren Witz, seine pointierte Gesellschaftskritik stets das adäquate Medium, die künstlerische "Massendrucksache" benutzt, die Ausnahme ist). Und weiter: von den mitunter schon beängstigend steigenden Besucherzahlen nicht nur für die etablierte Kunst bis zu den allerorts aus dem Boden sprießenden bösen Blumen der repressiven Intoleranz.

Das Interesse des Publikums an bildender Kunst war noch nie so groß wie heute (so sehr zu bedauern ist, daß die soziale Schichtung der Besucher noch recht einseitig ist). Dieses Faktum allein mit Konsumverhalten, Kunsttourismus oder perfektionierten Werbemethoden (für die überdies meist gar kein Geld da ist) zu erklären, wäre genauso elitär und arrogant wie die Attitüde jener falschen "Volksfreunde", die immer genau wissen, daß die Kunst, die sie – hochintelligent, wie sie nun einmal sind – so gut verstehen, daß sie sie sogar abqualifizieren können, für "das Volk", so dumm es nun einmal ist, natürlich zu hoch sei.

Ganz gleich, ob das Kunstverständnis bei der "Mona Lisa" oder bei Chagall einsetzt: Die Bilder in der alltäglichen Umgebung werden langsam, aber unübersehbar besser, in den Büros, in den Wohnungen, ja sogar in vielen Hotelzimmern. Der röhrende Hirsch und der trunkene Mönch sind auf dem Rückzug. Wer sich über Raffael oder Dali als mögliche Katalysatoren eines schüchtern sich regenden Kunstverständnisses mokiert, ist nicht besser als jener unsägliche Bildhauer, der es dem Kanzler verübelt, daß vor seinem Bonner Amtssitz eine Plastik des Engländers Henry Moore steht, während vor 35 Jahren die nordischen Athleten des Deutschen Arno Breker ihre bronzenen Muskelpakete vor der Berliner Reichskanzlei präsentierten.

Der Grad öffentlicher Aufmerksamkeit, den man heute der Kultur im allgemeinen und der bildenden Kunst im besonderen entgegenbringt, beschränkt sich nicht aufs zahlende Publikum. Auch die Politiker haben gemerkt, daß hier etwas für sie zu holen ist, möglicherweise sogar Wählerstimmen. Bruno Kreisky und seine bemerkenswerte Ministerin Hertha Firnberg haben das im letzten Jahr im angeblich rückständigen Wien auf überraschende Weise vorgeführt. Man kann die Stimmen natürlich auf zweierlei Weise gewinnen: mit Pro oder mit Contra.

Wien entschloß sich fürs Pro, kaufte Köln die Sammlung Hahn vor der Nase weg, ließ sich vom Sammler-Großfürsten Peter Ludwig mit langfristigen Leihgaben ausstatten, warb um Beuys und um Warhol und versuchte, mit einem kühnen Sprung über dreißig Jahre Versäumnisse hinweg, den Anschluß an die unmittelbare Gegenwart zu gewinnen.

Weniger sensationell war es, daß sich der einzige deutsche Freistaat, Bayern, mal wieder fürs Contra entschloß und unter Anführung eines regierenden Historikers und eines generaldirektorialen Kunsthistorikers den mutigen, kenntnisreichen Kollegen Armin Zweite, den Direktor der Städtischen Galerie, auf dem Umweg über eine Ankaufskommission versuchsweise zu entmündigen suchte. Und damit soll der staunenden Welt die Fata Morgana eines in den deutschen Süden hinübergeretteten heilen Abendlandes vorgegaukelt werden: Deutschland und die Welt brauchen Bayern!

So versuchen Politiker auf höchst unterschiedliche Weise, sich durch kulturelle Initiativen, entweder demokratisch legitimiert oder, wenn’s sein muß, durch obrigkeitsstaatliche Eingriffe, zu profilieren. Wie unsicher sie sind und wie unterschiedlich ihre Motive, zeigen die Resultate. Sie reichen von der mehr oder weniger kritiklosen Huldigung an einen Autokraten wie Karl IV. oder der in der Staufer-Ausstellung kaum verborgenen Hommage an einen, inzwischen über seine auch in der Nachkriegszeit noch kriegerische Haltung gestolperten Landesfürsten auf der einen Seite, bis zum ängstlichen Kotau vor Interessengruppen, die die Gesellschaft weniger verändern als aus ihr aussteigen und dabei ihr dünnes Süppchen am Kochen halten wollen auf der anderen Seite. Auch die Ausrufung eines vom Osten ausgeliehenen "engagierten Realismus" zur einzig demokratischen Kunst auch im Westen gehört als besonders trauriges Kapitel in diesen Kontext.