Die Politiker, die es ernst meinen und keine Opportunisten sind, haben es natürlich am schwersten. Der Bundesinnenminister (inzwischen ist es schon der dritte, der mit dem Amt das Thema übernahm) und sein bisher vergeblicher Kampf für die von Willy Brandt proklamierte Deutsche Nationalstiftung haben es gezeigt. Klar, daß die Bayern als die besseren Preußen sich auf Berlin als Standort kapriziert haben; denn das gibt ihnen frei nach Tucholsky das Gefühl, etwas für die Nationalstiftung zu tun und genau zu wissen, daß sie nicht komme.

Die großzügige Förderung der bildenden Künste im Lande Baden-Württemberg, die sich nicht auf die Staufer-Ausstellung beschränkt; die Gründung und der konsequente Ausbau der Stiftung Kunstsammlung in Nordrhein-Westfalen; die nachdrückliche, wenn auch im Bereich der bildenden Künste nicht immer geschickte und urteilssichere Kulturförderung durch das Land Berlin; der nervenaufreibende Einsatz von Kölner Kommunalpolitikern für das große Museums- und Konzertsaalprojekt: diese Hinweise mögen belegen, daß auch positive politische Einflußnahme nicht übersehen wird.

Leider wirft das wenige Licht mächtige Schatten. Der düsterste überzieht zur Zeit die rheinisch-westfälische Kunstlandschaft zwischen Recklinghausen und Düsseldorf. Er fällt von der Vorstandsetage des Deutschen Gewerkschaftsbundes auf die Ruhrfestspiele. Herr Todtenberg, Leiter der Abteilung Kulturpolitik beim DGB, hat den Leiter der Recklinghausener Kunsthalle, den Erfinder und langjährigen Organisator der Kunstausstellungen der Ruhrfestspiele, Thomas Grochowiak, der zusammen mit dem unvergessenen Otto Burrmeister mehr Arbeiter für Kunst und Kultur gewonnen hat als der kulturell bisher eher abstinente DGB-Vorstand in 35 Nachkriegsjahren zusammen, in die Resignation getrieben.

Grund ist ein höchst fragwürdiges, von der Öffentlichkeit bisher kaum zur Kenntnis genommenes Kulturprogramm, bei dessen Lektüre man sich die Augen reibt, wenn man den trüben Quellen nachgeht, aus denen vor allem die unausgegorenen, die Kunst radikal der Politik unterwerfenden Ergänzungs-Kommentare stammen könnten. Es ist fast nicht möglich, die Ähnlichkeiten mit den verordneten Kunstdoktrinen autoritärer Regime und linksideologisch programmierter Theoretiker wie Richard Hiepe und gewisser Mitglieder jenes merkwürdigen Teils der Berliner Kultur-FDP, der offenbar glaubt, Karl Marx unbedingt links überholen zu müssen, für rein zufällig zu halten. Muß man den DGB-Herren zubilligen, daß sie nicht wissen, was sie da tun und was sie so bodenlos leichtfertig sagen? Über den Verdacht der Sympathie für undemokratische Systeme sind sie wohl erhaben.

Aber was soll man denken, wenn man im DGB-Grundsatzprogramm zwar die markige Feststellung liest: "Kunst muß frei sein", wenn dieser Leitsatz im folgenden aber Seite für Seite relativiert oder sogar konterkariert wird? Wann da gefordert wird, dem Uralt-Gewerkschafter Grochowiak, Veranstalter vieler Realismus-Ausstellungen, die Verantwortung für die Kunstausstellung der Ruhrfestspiele zu entziehen, nur veil er es gewagt hat, sich gegen die Ausrufung des "engagierten" (sprich: sozialen) Realismus als einzig mögliche demokratische Art der Kunstpraxis zu wenden, und weil er sich dagegen verwahrt hat, daß alle anderen, nach dem Gewerkschaftsverständnis also nicht engagierten Künstler – wie in den unseligen Zeiten unserer Geschichte – verdächtigt werden, "sich an den Problemen unserer Gesellschaft vorbeimogeln und von Konflikten ablenken (zu) wollen"?

Hier liegt ein klarer Verstoß gegen die eigenen demokratischen Prinzipien und seitens des Herrn Todtenberg der kaum verhüllte Versuch der Mißachtung des Grundgesetz-Gebots vor: "Eine Zensur findet nicht statt." Offenbar findet sie doch statt, wenn auch vorerst noch indirekt und hinter verschlossenen Türen.

Kaum weniger trostlos sind die intensiven Bemühungen, Werner Hofmann, den Direktor der Hamburger Kunsthalle, auf Grund einer höchst bedenklichen, extensiven Auslegungen des Mitbestimmungsgesetzes auf dem Wege einer unqualifizierten Mitbestimmung unter Kuratel zu stellen, mit ähnlichen Zielen, wenn auch mit anderen Methoden, wie im Fall von Arnim Zweite.