Paris

Catherine Vimenet und Claire Poinsignon, zwei Frauen um die 40, angesehene Journalistinnen beide, arbeiteten jahrelang zur vollen Zufriedenheit ihres Chefredakteurs bei einer Fachzeitschrift in Paris. Ein Artikel über die Diskussion um den Abtreibungsparagraphen in Frankreich aber erregte sein Mißfallen. Er legte den beiden nahe zu gehen.

Und sie gingen – wütend zwar, aber keineswegs verzweifelt. Sie beschlossen, selbst eine Zeitung zu machen. Das war Mitte der siebziger Jahre, und in Frankreich genau wie in der Bundesrepublik entstanden gerade Frauenzeitschriften neuen Stils wie F-Magazine, femmes en mouvement (Frauen in Bewegung) und histoires d’elles (ihre Geschichten). Ihnen wollten die beiden Journalistinnen keine Konkurrenz machen. Mit einigen anderen Frauen – bald darauf stießen auch vier Männer zu der inzwischen auf zwanzig Frauen angewachsenen Gruppe – entwickelten sie den Plan für eine Frauen-Informations-Agentur: Agence Femmes Information (AFI). Sie mieteten drei Büroräume im Bauch von Paris – da wo früher die Hallen standen – und zwei Telephone wurden installiert, die Arbeit konnte beginnen.

"Unser Projekt sollte auf zwei kräftigen Beinen stehen, bevor wir ihm den Kopf aufsetzen wollten. Zum einen haben wir den telephonischen Beratungsdienst, der uns zeigt, wo die Frauen der Schuh drückt. Zum andern haben wir ein breit angelegtes Dokumentationszentrum eingerichtet, in dem wir alle Frauen betreffenden Artikel sammeln. Diese beiden Bezugspunkte ermöglichen uns schließlich unsere dritte selbstgestellte Aufgabe: die Frauen-Nachrichten-Agentur", erzählt Claire Poinsignon.

Jeden Freitag- und Samstagnachmittag von 13 bis 21 Uhr sitzen nun mindestens zwei, meistens aber mehr Frauen als Telephonwache in den leicht schlampigen, unaufgeräumten, aber keineswegs unordentlichen Räumen im vierten Stock eines alten, ehemals vornehmen Pariser Mietshauses. "Im Schnitt rufen zwischen fünf und zehn Frauen täglich an; wenn wir gerade einen Artikel in der Zeitung hatten, sind es natürlich mehr", berichtet Fabienne Abergel, eine frühere Hebamme, die jetzt ein bißchen für Ordnung in dem Laden sorgt.

"Die meisten Anruferinnen melden sich aus einer Notlage heraus. Es sind regelrechte SOS-Hilferufe, die uns da ereilen", sagt Nelly Grange Cabane, Korrektorin von Beruf, die noch den Enthusiasmus und Elan der Gründungsphase versprüht. "Eines der größten Probleme für Frauen in Frankreich scheint nach wie vor die Scheidung zu sein. Jedenfalls will die Mehrzahl der Ratsuchenden Informationen und Tips zur Scheidung. Denn wenn es zur Scheidung kommt, sind die Französinnen wegen des ungeheuer komplizierten Scheidungsrechts hierzulande fast immer in der schlechteren Lage. Mangelhaft ausgebildet müssen sie plötzlich einen Beruf ergreifen, sofern sie überhaupt einen Arbeitsplatz finden. Wenn sie älter sind, müssen sie um ihren Anteil an der gemeinsam erarbeiteten Rente kämpfen. Vielfach sind sie im Umgang mit Behörden äußerst hilflos. Wir vermitteln dann Adressen von Rechtsanwälten, verweisen sie an andere Beratungsstellen oder Ämter."

Zweitgrößtes Problem der Frauen: die Familienplanung. Da kommen Anrufe aus der Provinz, da möchten Frauen die Adresse der nachsten Beratungsstelle erfahren, da bittet man um die Anschrift einer Klinik, die auch Abtreibungen vornimmt. Schließlich gibt es Frauen, die sich über ihre Rechte am Arbeitsplatz erkundigen wollen, die über ihre Einsamkeit klagen und nach einer Frauengruppe in ihrer Nachbarschaft fragen. Eine Mutter sucht die nächstgelegene Kinderkrippe, eine Gastarbeiterin fühlt sich von ihrem Arzt schlecht behandelt, eine 19jährige ist unsicher, ob die Pille für sie das richtige Verhütungsmittel ist, und eine Geschichtslehrerin möchte Geschichte nicht langer aus der Perspektive der Männer unterrichten.