Von Sigmund Kripp

März 1980. An der gemeinsamen Eingangstür zu Katholischer Akademie und Jugendzentrum "Caritas Pirkheimer Haus" in Nürnberg hängt ein mit Filzstift geschriebenes Plakat: "Während der Fastenzeit keine öffentlichen Partys."

Anerkennend nicken die Bürger, die sich zur Feier des dreifachen Jubiläums der katholischen Erwachsenenbildung um ihren Bischof scharen. So schlecht wie sein Ruf scheint Nürnbergs einziger Treff für junge Gastarbeiter doch nicht zu sein. Während junge Moslems und ungläubige Christen nach den katholischen Regeln für die Fastenzeit auf öffentliches Tanzvergnügen verzichten, begeben sich Bischof und Prominenz in den ersten Stock an weißgedeckte Tische, zum kalten Büffet. Fastenzeit. Für die Kellerkinder.

In fensterlosen Clubräumen, an selbstgezimmerten Theken bedienen inzwischen junge Türken, die keine Arbeitserlaubnis bekommen, illegal sich selbst helfend, ihre Kameraden. Heiler Tschai steht für erwachsene Besucher gratis bereit. Doch der Gratis-Tee bleibt ungetrunken. Von der Jubiläumsgesellschaft findet niemand ins Souterrain, folgt niemand den Plakaten im Treppenhaus, die den Weg zu Ausländern, Obdachlosen weisen. Griechen und Italiener, die sich im Haus verirren, spähen durch halb geöffnete Türen auf vollgedeckte Tische, an denen gutgekleidete, gläubige Kirche Mahlzeit feiert. Auf den leerbleibenden Platz des ebenfalls geladenen Präsidenten der Bundesanstalt für Arbeit wird kein arbeitsloser Junge von der Straße oder vom Zaun geholt.

Von der Jubiläumsfeier der gebildeten Kirche ausgesperrt sind nicht nur Jugendliche. Auch Erwachsene. Arbeiter haben zwar die Akademie gebaut, das Festbrot gebacken, das Metall fürs Besteck aus dem Erz geschmolzen. Mit am Tisch sitzen sie nicht, weil sie mitsammen nicht sprechen können. Das Essen würde allen schmecken. Es ist das weiße Tischtuch, das sie trennt, die Krawatte, das Festkleid, die Sprache, die Stellung in der Gesellschaft. Das Schwarze fehlt dort, wo es verbinden würde: unter den Nägeln von Priesterhänden. Es lädt nicht der Zimmermannssohn die Fischer, sondern der Akademiker die Doktoren zum Jubilieren.

Wem als Schüler gesagt wurde, daß in der Religion Lebenssinn zu finden sei, der bekommt als Arbeiter ein Gottesbild vorgesetzt, das den Erlösungsvorstellungen bürgerlich lebender Theologen entspricht. Da gibt es den Gott der Besitzer, der das Privateigentum zum Bestandteil des Glaubens macht; der alles weiß, dem durch höhere Schulbildung vor allem bürgerliche Kinder ähnlich werden; der seines Sohnes Namen bürgerlichen Parteien leiht, die nun mal in erster Linie nicht die Interessen der Arbeiter vertreten; es gibt den Gott der Strafe, der zum Polizisten von Lehrern und Eltern wird; und der Kommunisten frißt, um die Marktwirtschaft zu garantieren, wenn es sein muß, mit Waffengewalt. So entsteht ein Gott des Schreckensgleichgewichtes.

Die Grundwerte Gerechtigkeit, Solidarität und Freiheit werden im Munde unserer bürgerlichen Kirche nur zu leicht zu Gerechtigkeit aus der Sicht der Wohlhabenden, zu Solidarität der Starken und zur Freiheit der Ordner, die sich ganz anders aus der Sicht der Geordneten ausnähme.