Von Jes Rau

Ob sein Haar gefärbt ist? Ronald Reagan läßt sich von der neugierigen Reporterin sein buschiges braunes Haar befühlen. Ob er sich einem face lift unterzogen habe? Ronald Reagan zeigt bereitwillig, daß hinter seinen Ohren keine Narben sind, wie sie typischerweise nach einer solchen Schönheitsoperation zurückbleiben.

Bei den Vorwahlen um die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der Republikaner mußte der ehemalige Filmschauspieler und spätere Gouverneur von Kalifornien vor allem beweisen, daß er nicht zu alt ist für den Job im Weißen Haus. Der begeisterten Zustimmung für sein aus "weniger Steuern, weniger Staat, mehr Privatwirtschaft und mehr Rüstung" bestehenden politischen Katechismus konnte sich Reagan ja allemal sicher sein. Bei den Autohändlern, Drugstore-Besitzern und sonstigen Lokalhonoratioren, die den harten Kern der republikanischen Partei ausmachen, kommt so etwas an. Das Rennen war deshalb gelaufen, als sich zeigte, daß Reagan dem Streß des Wahlkampfes trotz seiner 69 Jahre besser gewachsen war als sein – gern im Trainingsanzug als "Jogger" posierender – Rivale George Bush, und er zudem die Kunst der leicht ins Demagogische abrutschenden Fernsehrede so gut beherrscht wie eh und je. Nach den letzten "primaries" steht es praktisch fest, daß Reagan als Kandidat der Republikaner im eigentlichen Wahlkampf zum Gegner von Jimmy Carter werden wird.

Damit ist für Reagan aber auch der Zeitpunkt gekommen, seine Parolen nicht mehr länger nur auf die Gläubigen der republikanischen Gemeinde abzustimmen, sondern auf die skeptischere breite Wählerschaft. Gegenüber dem Wahlkampf vor vier Jahren, bei dem Reagan dem amtierenden Präsidenten Gerald Ford die Nominierung vergeblich streitig machte, hat Reagan bisher nicht ganz so häufig und so tief in die Mottenkiste der ideologischen Auseinandersetzungen der dreißiger Jahre um Roosevelts newdeal gegriffen. Beispielsweise redet er nicht mehr davon, er wolle der Rentenversicherung den Charakter einer privaten Lebensversicherung geben und den Zwang zur Beitragszahlung abschaffen. Die Elektrizitätswerke der "Tennessee Valley Authority", deren gewaltige Staudämme in den Depression jahren von den Kolonnen der Arbeitslosen gebaut wurden, will er nicht mehr länger privatisieren. Auch polemisiert er nicht mehr gegen die 1964 verabschiedete Bürgerrechtsgesetzgebung, die unter anderem die Diskriminierung Farbiger in Hotels und Restaurants verbot.

Ansonsten aber ist seine konservative Philosophie und sein grenzenloses Vertrauen in die Leistungsfähigkeit des Kapitalismus ungebrochen. Wenn es nach ihm ginge, würden die Steuern in den USA innerhalb von drei Jahren um dreißig Prozent gesenkt und aus den Staatsausgaben das "überflüssige Fett" herausgeschnitten. Den gesetzlichen Mindestlohn möchte Reagan abschaffen und die Wirtschaft von der lästigen Reglementierung durch die Bürokratie in Washington befreien. Viele der Sozialprogramme würden von der Verantwortung des Bundes in die der Bundesstaaten übergeben. Der Dollar würde wie einst in guter alter Zeit durch Gold gedeckt.

Besonders viel Resonanz findet natürlich Reagans Versprechen, die Steuern radikal zu senken. Eine solche Zusage fällt ihm leicht, denn er hält Steuersenkungen offenbar für eine Art Allheilmittel gegen vielartige wirtschaftliche und soziale Gebrechen. "Die Geschichte zeigt, daß der Respekt gegenüber dem Staat zurückgeht, wenn sich die Steuerquote zwanzig Prozent nähert", verkündete Reagan kürzlich. "Wenn 25 Prozent des Einkommens weggesteuert werden, breitet sich Gesetzlosigkeit aus..."

Auch der Inflation glaubt Reagan mit Steuersenkungen zu Leibe rücken zu können. Die Einwände der Kritiker, dies Rezept ähnele einer "Schlankheitskur, die auf dem reichlichen Verzehr von Schlagsahne und Torte beruht", fegt Reagan mit dem Hinweis auf geschichtliche Erfahrungen beiseite. Reagan ist offensichtlich durch die "Steuerrevolte" in Kalifornien auf die Idee gekommen, das Thema Steuern in den Mittelpunkt seines Wahlkampfes zu rücken.