Freiburg

Zunächst war es eine etwas lahme Veranstaltung, die Tagung der "Männerarbeit der evangelischen Landeskirche" im badischen Ottenheim. Obwohl es an diesem Oktobersonntag des Jahres 1979 um das Thema "Unsere Heimat in einer bedrohten Umwelt" ging und drei Parlamentsabgeordnete mit Dekan Werner H. Keller diskutiert hatten, genierten sich die Zuhörer. Niemand meldete sich.

Da schaltete der zur Berichterstattung anwesende Südwestfunk-Redakteur Thomas Lehner sein Gerät ab, legte das Mikrophon zur Seite, sagte, nun wolle er mal nicht als Rundfunkmann, sondern als Bürger dieser Heimat Stellung nehmen: Lehner, 36 Jahre alter, engagierter Journalist, dessen besonderes Interesse eben der bedrohten Umwelt gilt, machte der behäbigen Versammlung Dampf. Er wies auf eine Anti-Kernkraft-Demonstration in Bonn hin, auf die aktuelle Diskussion über das immer noch geplante Atomkraftwerk Wyhl, machte darauf aufmerksam, daß Umweltschützer immer noch in Strafprozesse verwickelt würden und meinte, eine aktuelle Diskussion sei doch wohl nicht denkbar, wenn man diese Themen ausspare.

Die Tagung wurde nun munter. Pfarrer und Abgeordnete nahmen den Beitrag zum Anlaß, das Thema kritisch zu erörtern. Nur einer schwieg: Der CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Schäuble. Die Veranstaltung ging zu Ende. Lehner machte einen Tag später im Regionalfunk eine Vierminuten-Sendung, in der ganz allgemein einige Stimmen zum Umweltschutz und zu dessen Nichtbeachtung durch Politiker zu hören waren. Lehners Bürgermeinung war in der Sendung nicht zu finden, auch keine Reaktion darauf.

Die Intervention des Bürgers Lehner und die Pflichten des Rundfunkredakteurs Lehner sind aber bald darauf Gegenstand eines Gerichtsverfahrens geworden. Am kommenden Dienstag findet bereits die zweite Verhandlung vor dem Arbeitsgericht Freiburg statt. Lehner ist Kläger; Arbeitgeber und Dienstherr Südwestfunk ist der Beklagte. Der Redakteur möchte eine harsche "Abmahnung" seines Hörfunkdirektors Alois Rummel wieder aus den Personalakten heraus haben. Der Fall ist interessant, weil er den häufigen Konflikt von Journalisten zwischen Engagement und Distanz offenlegt, zwischen Bürgerfreiheit und Pflicht zur Objektivität. Der Fall Lehner ist auch exemplarisch für die parteipolitische Willfährigkeit einer Rundfunkanstalt.

Der schweigende Bundestagsabgeordnete Schäuble fand nämlich rasch die Sprache wieder, als er zu Hause war. Einen Tag später schrieb er einen vorwurfsvollen Brief an den Südwestfunk-Intendanten und CDU-Parteifreund Willibald Hilf: "besagter Herr Lehner... hat dann in einer sehr aggressiven Tonart versucht, die Diskussion auf den alleinigen Punkt der Kernenergie ... zu lenken". Der Bundestagsabgeordnete sprach in dem Brief von einem "eklatanten Verstoß gegen die simpelsten Berufspflichten eines Journalisten". Schäuble schließlich: "Ich darf dringend bitten, dafür zu sorgen, daß die Wiederholung eines solchen Verfalls ausgeschlossen erscheint. Ich wäre zugleich dankbar, wenn Sie mich über die von Ihnen getroffenen Maßnahmen unterrichten könnten." An Lehner selbst wandte sich Schäuble nicht.

Der Betroffene erfuhr vier Tage später durch seine Chefin, die Freiburger Studioleiterin Rosemarie Bungert, von der Beschwerde. Den Brief selbst bekam er nicht zu Gesicht, obwohl er darum fest. In einer "Stellungnahme" schrieb Lehner später: "Da es aber um meinen Kopf gehen sollte, meine fristlose Entlassung, wie Frau Dr. Bungert erklärte, bin ich trotzdem zu einer schriftlichen Stellungnahme bereit." Frau Bingert bestreitet, Lehner mit Kündigung gedroht zu haben. Der Redakteur repartiert weiter, die Chefin habe ihm in diesem Gespräch bedeutet, sie wolle sich für ihn verwenden, wenn er die Umweltberichterstattung abgebe – wegen "Überengagements". Da Lehner in der "Stellungnahme" für den Intendanten die Drohung von Frau Bungert mit fristloser Kündigung erwähnte, gab diese von dem dreiseitigen Dokument nur die für sie unproblematische Seite 2 nach Baden-Baden weiter; dieses Blatt bildete eine zufällige Einheit, war aber natürlich unvollständig. Von der Zentrale wurde Lehner später angekreidet, daß er das Papier ohne Anfang, Datum und Unterschrift gelassen hätte.