Von Theo Sommer

In der Weltpolitik zieht Sturm auf. Die ersten Böen fegen um den Globus. Viele mögen gehofft haben, das Unwetter werde sich schon wieder verziehen. Jetzt erkennen sie: Es ist Zeit, die Dachluken zu schließen und die Fensterläden zu verriegeln.

Der Instinkt der Völker für heraufziehende Gefahr frißt sich mit Macht durch ihre Sehnsucht nach ungestörter Bequemlichkeit hindurch. Fast sechzig Prozent der Bundesbürger halten einen Dritten Weltkrieg für möglich oder wahrscheinlich. In Großbritannien ergab eine BBC-Umfrage: Beinahe die Hälfte glaubt nicht mehr daran, daß ein Nuklearkrieg sich noch vermeiden läßt. Aber auch die Kirchenfürsten, die Philosophen und die Staatenlenker spüren das Beben. Der Papst ist über den Frieden besorgt. Andrej Sacharow warnt vor einem neuen Weltenbrand. Der Bundeskanzler ist nicht der einzige Staatsmann, der die Analogie zum Juli 1914 beschwört (siehe Seite 3: der Text, der des Kanzlers Phantasie bewegte). "Die Parallele zu 1914 ist leider nicht ganz falsch", sagt Helmut Schmidt.

Der Horizont ist mit Ultimaten und Fristsetzungen verstellt. Präsident Carter hat den Verbündeten Daten genannt, bis zu denen er im Iran Änderung erwartet; bleibt die Änderung aus, so behält er sich danach alle Maßnahmen vor – auch militärische Maßnahmen. Meldeschluß für die Olympischen Spiele ist der 24. Mai. Stehen die sowjetischen Invasionstruppen dann noch in Afghanistan, ohne daß der Kreml Rückzugsbereitschaft erkennen läßt, so werden viele Sportnationen des Westens den Moskauer Spielen fernbleiben – was immer die psychologischen Folgen und die politischen Folgerungen im Osten sein werden.

Am 26. Mai läuft überdies die Frist für die Verhandlungen über die Palästinenser-Autonomie ab. Scheitert Carters jüngster Schlichtungsversuch zwischen Sadat und Begin, so mag neben den beiden schon kokelnden Lunten – Teheraner Geiseldrama und sowjetische Afghanistan-Besetzung – auch die mühsam ausgetretene Zündschnur des arabisch-israelischen Konflikts wieder zischelnd ins Glimmen geraten. Das Pulver ist längst geschichtet, dessen Explosion die dreifache Orientkrise zur Weltkrise verdichten würde.

Amerikas Partner, Westeuropa und Japan, haben in dieser Lage keine Wahl. Sie müssen auf Nummer Sicher gehen, auch wo sie lieber Recht behielten. Das heißt: Sie müssen sich wohl oder übel der amerikanischen Politik anschließen – ganz gleichgültig, wie reserviert sie ihr gegenüberstehen.

Sie mögen diese Politik für undurchdacht, für unzweckmäßig, ja für schädlich halten. Sie mögen dem Mann, der sie derzeit verantwortet, zutiefst mißtrauen: einem außenpolitischen Amateur, der mehr durch Sprunghaftigkeit hervorsticht als durch Konsequenz; einem Präsidenten, dessen Ziele weder für Freund noch Feind klar zu erkennen sind, da seine Politik sich in der nahezu wahllosen Anwendung der verschiedensten Mittel erschöpft; einem Moralisten, der Gegner "bestrafen" will, was außer Kapuzinerpredigten wenig verlangt, anstatt auf sie mit einer wohldosierten Mischung von Druck und Dialog, von Zuckerbrot und Peitsche einzuwirken, was staatsmännische Anstrengung erfordert. All diese Vorbehalte schwinden dahin angesichts der Gefahr, daß das Verhältnis zwischen Amerika und seinen Verbündeten unwiederbringlich Schaden nimmt.