Von Jörg Beckmann

arlchens knarrende Stimme wirkt ungehalten: "Ich weise Sie darauf hin, daß ich nur Anrufe aus dem Ortsnetz Frankfurt verstehen kann." So wimmelt der erste Auskunftscomputer der Bundesbahn Fragesteller ab, die ein Ferngespräch [(06 11) 7 54 32] nicht scheuen, um Karlchens elektronischen Charme kennenzulernen und sein Wissen zu erproben.

Mit Karlchen und seinen roten, blechernen Kollegen, die sprachlos – aber Fahrpläne druckend – auf den Bahnsteigen stehen, halten die Vorboten des elektronischen Zeitalters Einzug in die Kathedralen der industriellen Revolution, wie die Bahnhöfe im vorigen Jahrhundert genannt wurden. Vor genau 150 Jahren wurde in Liverpool die erste Zugstation errichtet, und seitdem sind die Bahnhöfe in aller Welt pulsierender Mittelpunkt urbanen Lebens. Um sie herum breiteten sich die Städte immer weiter aus, durch ihre Eingangshallen eilten die Millionen, die dem Land den Rücken kehrten, um in den Metropolen ihr Glück zu suchen. Noch heute treffen sich nirgends sonst so viele verschiedene Menschen auf so engem Raum.

Mit steigenden Fahrgastzahlen, schnelleren Zügen und veränderten Reisegewohnheiten haben sich auch die Bahnhöfe gewandelt. Die gigantischen Stahlhallen des 19. Jahrhunderts, die in weitem Bogen die Gleise überspannen (Hamburg, Köln oder Frankfurt), weichen hartkantigen Betonkonstruktionen, die unter ihrem flachen Dach gestrichelte Linien aus Neonröhren tragen. München ist ein typisches Beispiel.

Glichen die Bahnhöfe früher den kühnen Kuppelkonstruktionen sakraler Bauten, ähneln sie heute eher überdimensionalen Turnhallen, und die Außenfassaden über ein Jahrhundert prägendes Element des Stadtbildes – werden vom Tor zur unbekannten Welt zum Nebeneingang eines gewöhnlichen Supermarktes. Funktional, rational, kühl und sachlich heißen heute die Attribute der Bahnhofsgestaltung.

"Unsere Künstler", so forderte einst Emile Zola, "müssen die Poesie der Bahnhöfe erkennen, wie ihre Väter die der Walder und Flüsse sahen." Die modernen Zweckbauten durchflutet von piktogrammgeleiteten Menschenmassen, lassen solche Romantik nur noch schwer aufkommen. Dennoch ist auch in Neubauten wie Hannover und Hamburg-Altona die alte Faszination der Bahnhöfe noch spürbar – vorausgesetzt man läßt sich Zeit zum Beobachten.

Für den immer eiligeren Reisenden aber kann zuviel Romantik auch gleichbedeutend sein mit Zeitverlust, Mühe und Unübersichtlichkeit. Die Treppen zu den alten Bahnsteigen sind mit Gepäck nur mühsam zu erklimmen, und Rolltreppen lassen sich wegen des ungünstigen Steigungswinkels nicht überall einbauen. Lange Wege und verwirrende Gänge sind das Erbe von Bauten, die in einer Zeit entstanden, als das Reisen noch mehr war als der Transport möglichst vieler Menschen von einem Ort zum anderen.