Ziemlich oft gibt es Zank im Theater. Manchmal artet dieser Zank auch in Handgreiflichkeiten aus. Doch wer seinen Widersacher wirklich kränken will, der brüllt nicht und der prügelt nicht, der spricht ein kleines Wort gelassen aus: er nennt ihn "provinziell". Denn provinziell zu sein, Provinztheater zu machen, gilt an deutschen Schauspielbühnen noch immer als die größte Schande. Wobei die Vokabel "provinziell" eine genauso bequeme Allzweckwaffe ist wie die Vokabel "spießig". Wer das Schimpf-Wort benutzt, meint einen jedenfalls nicht: sich selber. Spießig und provinziell sind immer nur die anderen.

Es hat in den letzten Jahren im Reden (und Gerede) über die deutsche Provinz eine merkwürdige Wandlung begonnen: nicht mehr die bewundernde Nachahmung der Metropolen und ihrer Moden bestimmt das Leben des sensibleren Provinzlers, sondern ein trotziger, oft ironisch gebrochener Provinz-Patriotismus. Der Aufschwung von Regionalliteratur und Mundartdichtung, Ludwig Harigs nicht nur komisch gemeinter Aufruf, das Saarland als Weltmodell, die saarländische Freude als konkrete Utopie zu begreifen, Diskussionen und Fernsehsendungen über die "Poesie der Provinz": dies alles könnten Indizien sein für ein neues, weniger verängstigtes Selbstverständnis der Provinz-Deutschen.

Ins deutsche Stadttheater ist dieser "Windhauch der Geschichte" noch nicht geweht. Als ich im vergangenen Jahr zum erstenmal ins Theater von Saarbrücken kam, fand ich in den Selbstdarstellungen des Theaters, in der Theater-Zeitung vor allem, keine Dokumente saarländischer Freude, sondern saarländische Beflissenheit: stolze Hinweise darauf, daß man schon wieder mit einer Produktion "überregional" Aufsehen erregt hatte.

Überregional – das ist ein Schlüsselwort des alten provinziellen Theaterbewußtseins; denn nur wenn ein Intendant mit seiner Bühne überregional auffällt, wenn auch mal ein sogenannter Großkritiker anreist und der Bühne wohl will, sieht der Intendant eine Chance für seinen persönlichen Aufstieg aus der Regionalliga in die Spitzenklasse des deutschen Theaters. Der Uraufführungswahn kleiner Bühnen und ihr fast totales Desinteresse, wichtige neue Stücke nachzuspielen, sind nur eine schlimme Folge des gewöhnlichen Karrierismus.

Was ist Provinztheater? Einfacher zu sagen, was (nach herrschendem Vorurteil) nicht Provinz ist: gegenwärtig wohl die Bühnen in Berlin, Hamburg, Bremen, Bochum, Düsseldorf, Köln, Frankfurt, Stuttgart und München. Zu diesen Orten pflegen die "Reisekritiker", die Handlungsreisenden der Theaterkunst, zu fahren. Ich bin fünfzigmal in Dortmund umgestiegen (Richtung Bochum), bevor ich zum erstenmal in Dortmund im Theater war.

Das deutsche Subventionstheater ist Provinztheater: ein weites, weithin unerforschtes Land. Wir wollen in dieser Ausgabe der ZEIT, mit einem Bericht über das Nationaltheater Mannheim (Seite 45), einen neuen, hoffentlich nicht allzu heroischen Versuch beginnen, das unübersichtliche Gebiet zu besichtigen. Wir fangen an mit Bühnen, in denen man das Leben und Arbeiten in der Provinz offenbar nicht als degradierend empfindet – ein Idyll, das Theater von Landshut, wird Thema der zweiten Folge sein.

Die Artikel werden in unregelmäßiger Folge erscheinen, und keiner weiß, wie lange. Ungewiß, ob die Fahrt durch die Provinz eine Entdeckungsreise wird oder nur eine Strapaze, der man bald schon entkommen möchte. Wir haben uns vorgenommen, Geduld zu haben und Hochmut zu meiden. Doch vorurteilslos, was hieße erinnerungslos, tritt keiner eine solche Reise an – auch beim schönsten Shakespeare in Castrop (wenn es denn so etwas gibt) wird uns manchmal Zadeks Shakespeare einfallen, wird unser neugieriger Blick, ohne daß wir es merken, ein herablassender Blick sein.