Von Haug von Kuenheim

Die Mehrheit der Deutschen ist nach dem Krieg geboren. Ich frage mich, was sie wohl empfindet, wenn sie die Photos betrachtet aus dem Buch "Flucht und Vertreibung", von denen wir hier eines abbilden:

Frank Grube/Gerhard Richter: "Flucht und Vertreibung. Deutschland zwischen 1944 und 1947"; Hoffmann & Campe Verlag, Hamburg 1980; 240 S., 38,– DM

Ich habe die Bilder noch vor Augen. Als zehn Jahre alter Bub stand ich am Straßenrand in Potsdam und sah Tag für Tag die nicht enden wollende Kolonne von flüchtenden Menschen. Trecken, das Wort hat sich mir damals eingeprägt: Pferdefuhrwerk auf Pferdefuhrwerk, mit Planen bespannt, offene Leiterwagen, beladen mit Säcken, Kisten und Kästen, auf denen Menschen hockten. Meistens waren es ältere, oder Kinder. Viele Frauen waren dabei. Ich suchte, meine Großmutter. Sie kam erst viel später. Eines Nachmittags, der Krieg war längst vorüber, stand eine alte gebeugte Frau in der Tür, ein dickes Tuch um die Schulter geschlungen, in der Hand baumelte eine abgegriffene Tasche mit zwei Büchern darin. Die Polen hatten sie in Ostpreußen in einen Zug gesetzt.

Die Wirklichkeit damals ist hier auf vielen Photos festgehalten. Mich berühren die Bilder. Doch ganz bestimmt war dies nicht die Absicht der Herausgeber Frank. Grube und Gerhard Richter, Jahrgang 46 und 45. Von Haus aus sind sie Politologen, die sich im Verlag Hoffmann und Campe einen festen Platz als Herausgeber erobert haben. Sie veröffentlichen Sammelbände über Sportthemen, Olympiabände insbesondere. Ihr vorletztes Werk war ein Bildband über die Schwarzmarktzeit, das letzte über die Spiele von Lake Placid.

Und nun also – "Flucht und Vertreibung". Zwei Herausgeber, die ihr Geschäft nüchtern verstehen. Sie schreiben: "Auch die dunklen Kapitel der gemeinsamen Geschichte dürfen nicht verschwiegen werden." Sie wollen also nicht Erinnerungen wecken oder nur dokumentieren oder nur Bilanz ziehen. "Wir haben nach Gründen gesucht", sagen sie. Also aufklären wollen sie. "Die Flucht und Vertreibung der Deutschen war eines der düsteren Kapitel eines an Greuel überreichen Krieges – doch eines dürfen wir nicht vergessen, daß Deutschland unter Hitler mit all dem begonnen hat", schreiben sie.

Sie versuchen Aufklärung mit mehreren Beiträgen, deren gelungenster der von Arno Surminski ist, einem gebürtigen Ostpreußen des Jahrgangs 34, Journalisten und Verfasser erfolgreicher Romane. Surminski trifft den Ton. Er ist "Betroffener" und weiß, daß die Hunderttausende, die in die Lager Sibiriens verschleppt wurden, die auf der Flucht erfroren oder in der Ostsee ertranken, weil ihr Schiff torpediert wurde, "nicht um des lieben Friedens willen vergessen" werden dürfen. Das Geschehen von damals spielte sich außerhalb jeder Denkkategorien ab, meint Surminski.