Hätte C. F. Laidlaw, der stellvertretende Chairman der British Petroleum, das Geheimnis nicht freiwillig gelüftet, so wäre der Öffentlichkeit wohl heute noch nicht bekannt, daß die deutsche Veba von der britischen BP in diesem Jahr nicht die vertraglich mögliche Menge von drei Millionen Tonnen Rohöl bekommt, sondern sich mit gut der Hälfte begnügt.

Als Veba-Chef Rudolf von Bennigsen und BP-Boß Hellmuth Buddenberg im Juni 1978 mit ihren Unterschriften ein Abkommen besiegelten, das unter dem Tarnnamen "4711" in aller Stille ausgehandelt worden war, klang das noch ganz anders. So zählte damals eine Pressemitteilung der Veba als Ergebnis der Vereinbarung unter anderem auf: "Abschluß eines Rohölliefervertrages, über den die Veba-Raffinerien in nennenswertem Umfang bis zum Jahre 2000 zu wettbewerbsmäßigen Bedingungen versorgt werden, wobei dies auch für die Zeiten einer Rohölverknappung gilt."

Die Veba feierte den Vertrag als Beitrag zur Sicherung der deutschen Ölversorgung (Originalton von Bennigsen in der Pressekonferenz am 16. Juni 1978: "Dieser Vertrag hat eine ganz besondere Bedeutung, wenn das Öl knapp wird"). Und auch das Bundeswirtschaftsministerium, das den Veba/BP-Vertrag nach Ablehnung durch das Bundeskartellamt schließlich mit Auflagen billigte, stellte fest: "Eine bessere Absicherung der Versorgung ergibt sich schließlich aus dem auf zwanzig Jahre abgeschlossenen Rohölliefervertrag zwischen Veba und BP, der 19 Prozent des Bedarfs der Veba und drei Prozent des deutschen Rohölbedarfs insgesamt abdeckt und langfristig sichert."

Nicht zuletzt diese Einschätzung machte es Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff möglich, ein gesamtwirtschaftliches Interesse an dem Vertragswerk festzustellen und das Veto des Kartellamts abzuschmettern. Leichte Zweifel müssen dem Minister aber schon damals gekommen sein. Da wird nämlich die BP-Gruppe gerühmt, sie gehöre "zu den internationalen Gesellschaften, die bisher über eine starke Rohölposition verfügen", aber dann eingeschränkt, "die jüngste, abschließend nicht zu beurteilende Entwicklung im Iran nicht berücksichtigt".

Gerade dieses Nichtberücksichtigen war aus heutiger Sicht der Schönheitsfehler. Denn die Entwicklung im Iran führte dazu, daß die BP von einem Überfluß in den Mangel fiel. Hatte sie vor der Irankrise nahezu doppelt soviel Öl, wie sie selbst verarbeiten konnte, so hat sie heute mittel- und langfristig nicht mehr genug Öl unter Vertrag, um die eigenen Raffinerien zu füttern, Die BP muß Rohöl auf dem Spotmarkt zukaufen, und das war vor allem im vergangenen Jahr ein kostspieliges Vergnügen;

Die Gentlemen von BP in London hatten wohl mehr Gespür als der Bundeswirtschaftsminister und ihr deutscher Vertragspartner für das, was auf sie zukommen sollte. Sie verpflichteten sich nämlich keineswegs, der Veba jährlich drei Millionen Tonnen Öl zu einem fest definierten Preis zu liefern. Vielmehr hieß es damals in einer gemeinsam von Veba und der Deutschen BP veröffentlichten Presseerklärung, der Vertrag beinhalte "hinsichtlich der Versorgungssicherheit eine Gleichstellung mit der deutschen BP".

Und die hat die Veba jetzt in der Tat. Schon im Vorjahr kürzte die britische Mutter ihrer deutschen Tochter die Rohöllieferungen und überließ es ihr zum Teil selbst, die fehlenden Mengen auf dem Weltmarkt zuzukaufen. So zieht die BP nur die Konsequenz aus dem Vertrag mit der Veba, wenn sie ihr schon im ersten Jahr der Laufzeit nur gut die Hälfte der drei Millionen Tonnen liefert.