ARD, Sonntag, 20. April, 20.15 Uhr: "Marathon in New York", von Max H. Rehbein. Kamera: Eckehard Dorn, Regie: Jens-Uwe Scheffler

Jeden Abend, wenn Irwin Wurmbrand, 49 Jahre alt, schon einen Acht-Stunden-Tag als kleiner Angestellter in einer großen Bank im Herzen von Manhattan hinter sich hat, fährt er noch mit der U-Bahn hinaus nach Brooklyn. Er ist Verkaufsansager in einem Supermarkt, um das Schulgeld für seine drei Kinder zu verdienen. Doch der Job macht Irwin Wurmbrand auch Spaß: Er wollte immer gern Rundfunkreporter sein, diesen Traum aber hat er schon lange aufgeben müssen.

Auch am Tag des Marathonlaufs, der alljährlich im Herbst in New York stattfindet – 14 000 Läufer kämpfen sich über 42 Kilometer durch alle fünf Stadtteile von New York – auch an diesem Tag sitzt Irwin hinter seinem Mikrophon im Supermarkt. Diesmal kommentiert er die Fernsehübertragung des Rennens, an dem auch sein Sohn Michael teilnimmt. Michael erreicht das Ziel, den Central Park, wo andere reihenweise erschöpft, enttäuscht, halb tot zusammenbrechen. Und stolz verkündet der Vater: "Michael hat es geschafft. Wir werden es alle schaffen." Beim Hinausgehen, schon zwischen Tür und Angel, wird Irwin noch für ein paar Sekunden vom Manager des Supermarktes aufgehalten. Übrigens, sagt der, wir wollen Ihre Ansage durch Bänder, die der Computer herstellt, ersetzen. Aber wir behalten Sie. Als Telephonist. Das schaffen Sie, schon. Irwin protestiert nicht, Allright, sagt er, und geht müde nach Hause. 15 Jahre hat er den Job gemacht... Der stille, stets angespannte, stets arbeitende Irwin Wurmbrand gehört zu den Verlierern in einer Stadt, in der "die Niederlagen elender sind, die Siege einen höheren Preis kosten" als anderswo auf der Welt.

"New York, Hauptstadt der Welt" – nach "Lefty" ist dies, der zweite Teil der "filmischen Erzählung" des erfahrenen Reporters Max H. Rehbein. "Lefty" erzählte die Geschichte eines Krieges zwischen zwei Straßenbanden in Brooklyn. Max H. Rehbein und sein Team bekamen dafür im vergangenen Jahr einen Adolf-Grimme-Preis. Auch der "Marathon in New York" gehört zu den hervorragenden Arbeiten des Fernsehjournalisten. Protokolliert wird das Leben von vier Familien, die auf unterschiedliche Weise mit dem Marathonlauf zu tun haben. Das Rennen ist nicht sportlicher Inhalt, aber immer wiederkehrendes Leitmotiv. "Es geht", sagt Max H. Rehbein, "um den Marathonlauf als Symbol für das amerikanische rat race, den Wettlauf um die Erfüllung des amerikanischen Traums."

Zu den Verlierern gehört auch Owen Shevlin, 38 Jahre alt, Fahrer einer Wäscherei in Harlem fünf Kinder. Tochter Judith schwänzt seit Wochen die Schule: "Zuviel Nigger." Sohn Georgy liegt nach einem grausigen Unfall gerade unter dem Messer der Chirurgen, als Vater wieder einmal gefeuert wird.

Art Hall, schwarz, gehört zu den Gewinnern. Er hat es geschafft, in eine weiße Gemeinde auf Staten Island einzuziehen. Jetzt sammelt er die schulischen Auszeichnungen seines Sohnes.

Max Rehbeins New York ist nicht die inspirierende Manhattankulisse der sensibel-neurotischen Intellektuellen eines Woody Allen. Es ist das New York der restlichen acht Millionen.

Margrit Gerste