Es gibt keinen, der ihn nicht kennte, selbst wenn ihm der Name Wilhelm Wagenfeld allein nichts sagen sollte. Jeder ist ihm irgendwann einmal begegnet und meistens in der Küche oder am gedeckten Tisch. Wahrscheinlich gibt es auch niemanden seinesgleichen, der sich mit so viel künstlerischem Ehrgeiz und handwerklicher Fertigkeit, mit so viel Verstand und Neugierde, obendrein mit so viel sozialem, also politischem Elan der industriellen Massenproduktion von Gebrauchsgegenständen zugewendet hat wie er. Am 15. April ist er achtzig Jahre alt geworden; es war auch der Anlaß für das Württembergische Landesmuseum in Stuttgart, ihn mit einer kleinen Ausstellung unter der Überschrift "Schöne Form – Gute Ware" zu ehren.

Von den Adjektiven schön und gut wäre Wagenfeld vermutlich das zweite lieber, das erste selbstverständlich. "Denn die Wandlung der industriellen Produktion, die wir erstreben müssen", schrieb er vor dreißig Jahren, "ist kein ästhetisches Problem. Nicht ob diese oder jene Form die richtige ist, dieser oder jener Dekor Kunst oder Nichtkunst wäre, geschmackvoll oder geschmacklos wirke, ist entscheidend, sondern erst die Lösung der Aufgabe in ihrer sozialen und ökonomischen Wirksamkeit." Auf den Gebrauch kam es ihm an: "Brauchbar sein heißt aber zugleich auch schön sein, denn alles Brauchen muß schön sein können; anders erfüllen die Dinge nicht ihren Sinn."

Man kann viele gedankenprächtige Sträuße solcher Zitate aus Wilhelm Watgenfelds Aufsätzen pflücken, deren dreizehn 1948 einmal unter dem Titel "Wesen und Gestalt" in Potsdam veröffentlicht worden sind. Sie klingen immer noch so lebendig wie damals. Kunsterziehung, schrieb er zum Beispiel, müsse "eine Erziehung zum alltäglichen Leben" sein und eine zum "Alltag in der Welt der Kunst"; anders sei Kunsterziehung "nichts als ein ästhetisches Treiben in leeren Räumen".

Die Kultivierung des Alltags war Wagenfelds großes Thema. Seine Aufmerksamkeit galt den "nichtigen Dingen, die uns im Guten wie im Schlechten zugehören, im Guten wie im Schlechten beeindrucken". Er wollte, daß jeder Käufer auch wisse, "daß er Untertan der Geschäfte ist, Untertan einer Obrigkeit, die dieses Mal die Wirtschaft heißt", und daß ihnen dabei geholfen werden müsse, diese Art der Knechtschaft zu brechen.

Heutzutage, da solches Engagement viel von seiner expressionistischen Feierlichkeit verloren hat, liest man deshalb Sätze wie diesen mit staunendem Vergnügen: "Mitten in der Industrie und mitten in der Wirtschaft versuchten wir (damals)..., das Richtige zu tun und durchzusetzen, und erfuhren hierbei in der Welt der Fabriken die neue Gemeinschaft der Menschen, die durch die Maschinen in unsere Zeit gekommen ist."

Nein, darin verrät sich nicht naive, schönfärberische Vertrauensseligkeit, die die sozialen Gegensätze zu verwischen versucht, sondern der Vorsatz, Zustände zu ändern durch insistierendes Mitmachen. Nachdem. Wagenfeld sich auf die Frage eines einflußreichen Industriellen, wen er als künstlerischen Leiter der Vereinigten Lausitzer Glashütten in Weißwasser vorschlüge, sich keß selber empfohlen und den Posten 1935 bekommen hatte, da beschwor er die Arbeiter in Vorträgen, sich nicht länger mit ihrer Proletarierrolle zu bescheiden, sondern "mit Freuden Glas zu machen" und dabei so hervorragend zu arbeiten, daß es ihnen Spaß bereite und es sie zugleich zu unkündbaren, nämlich unersetzlichen Fachleuten mache. "Ich habe sie begeistert", erzählt er.

Warum er so sehr um künstlerische Warenqualität bemüht war? Weil "Arbeitsstunden Lebensstunden sind und minderwertige Industrieware vernichtetes Menschenleben ist". Ein Satz, der gültig bleibt, nicht zuletzt da manche Firmen seine Entwürfe verniedlicht oder aussortiert haben, obwohl die so modern wie je geblieben sind.