Von Horst Vetten

Um die dreißig Jahre alt, Cordhosen, Pulli, offener Hemdkragen. Alert, gewitzt, gerissen, zu Zeiten schlitzohrig, zwei sechsstellige Einkommen – eines aus dem Job, das andere aus dem im Profigeschäft angeschafften Vermögen – mikrophonsicher, kamerafest und eloquent: das ist der neue Manager in der Fußballbranche. Die erfolgreichsten Profi-Ensembles in der Bundesliga werden von solchen Typen geleitet, in München vom ehemaligen Bayern-Spieler Uli Hoeneß. Mit achtundzwanzig Jahren treibt er soeben seine dritte Karriere auf die Spitze, wie stets im Self-made-Verfahren.

Als Fußballspieler hat er alles gewonnen, was nur zu gewinnen war: drei Deutsche Meisterschaften, drei Europapokale, die Europameisterschaft 1972 und den Weltmeistertitel 1974. Als Leiter seines Ein-Mann-Syndikates holte er nach eigenem Bekunden "... heraus, was herauszuholen war", und erreichte im Blütenalter des Mittzwanzigers bereits den schönen Status der "finanziellen Unabhängigkeit". Jetzt sitzt er als Vereinsmanager nach anfänglichen Querelen so fest im Sattel, daß er bei Ablauf seines Vertrages "...auch ohne Papier weitermachen kann".

Besagte Schwierigkeiten entstanden aus der Tatsache, daß sein um ein Jahr jüngerer Bruder Dieter auch gut fußballspielen kann. Vielleicht nicht so gut wie der technisch versiertere, ungemein explosive Uli, der mit seinen Sturmläufen über das Feld ganze Stadien zum Erbeben brachte. Dafür hat der jüngere Hoeneß das, was man im Fußball einen "Torriecher" nennt. Den hat er in ungefähr 1,90 Meter Höhe. Dort – mit dem Kopf – und in seinem Umfeld, das er mit seiner imposanten physischen Aura freizuräumen pflegt, arbeitet er die Tore ins gegnerische Gebälk. In der Tat, Uli Hoeneß kämpfte und spielte, Dieter Hoeneß kämpft und arbeitet.

Zweimal Hoeneß in einem Verein: der eine als Spieler, der andere als Manager! Der Manager ob seines schwäbischen Betonschädels jedem gut bekannt, außerdem diesem Verband Gleichaltriger kaum entwachsen – da schwante manchen Böses. Vetterle-Beziehungen zwischen den Brüdern, vielleicht auch zwischen dem Kapitän Breitner und dem Manager Uli Hoeneß: dies, so schien es, war kein guter Griff des ehemaligen Bayern-Präsidenten Neudecker. Die Bewährungsprobe für alle Beteiligten kam, als Trainer Pal Csernai den jüngeren Hoeneß aus vielleicht guten Gründen eine Weile nicht aufstellte. Die von drei Münchner Boulevardzeitungen angeheizten Ränge tobten, sechzigtausend skandierten den Namen "Hoeneß", und die Angelegenheit rutschte schier unaufhaltsam ins Emotionale.

Der Hüne Dieter Hoeneß als am stärksten Betroffener führte den Nachweis, daß ein robustes Äußeres über die Beschaffenheit des Kerns keine verbindliche Auskunft gibt. Der ältere Bruder, scheinbar aus härterem Holz geschnitzt, ließ Vermutungen zu, daß auch er verletzliche Stellen hat, die er ansonsten verborgen hält. Der sonst so kühle und pragmatisch handelnde Trainer hätte einen Charakter von nazarenischem Zuschnitt haben müssen, wenn ihm das Gebrüll aus den Stehkurven nicht aufs Gemüt geschlagen wäre.

In dieser für die ganze Mannschaft bedrohlichen Situation gelang gleich mehreren Beteiligten der Sprung über den eigenen Schatten: Der Trainer bewies eine Portion menschliches Format, wie sie in dieser Profession der Feuerschlucker, Drahtseiltänzer und Jungfrauenzersäger ganz und gar nicht üblich ist. Der Spieler Dieter Hoeneß vollbrachte einen für sein sensibles Webmuster, unglaublichen Willensakt. Der Präsident des Vereins, Willi Hoffmann, der Kapitän Paul Breitner halfen mit einer Behutsamkeit, die in dieser rabiaten Branche nicht alltäglich ist. Da alle guten Willens waren, gelang etwas, was man beinahe einen Resozialisierungsprozeß nennen könnte. Es kehrte Hoeneß der Jüngere in die Mannschaft zurück, es kehrten wieder Friede und Erfolg ein, und im nachhinein läßt sich schwer sagen, wer daran am meisten Anteil hatte. Hoeneß der Ältere aber hatte in dieser für ihn höchst heiklen Situation seine Feuerprobe als Manager bestanden.