Von Ulrich Völklein

Dachau

Jakob Bamberger kennt die Gegend. Das Kon-. zentrationslager Dachau ist. ihm nicht fremd: In den Kriegsjahren wurde er dort gefangen gehalten und mit „medizinischen Versuchen“ gequält. Über Ostern ist Jakob Bamberger nach Dachau zurückgekehrt. Gemeinsam mit elf weiteren Sinti – so nennen sich die Zigeuner in ihrer eigenen Sprache –, und einer Münchner Sozialarbeiterin hungerte er acht Tage lang, um den bayerischen Innenminister Tandler zu einer „moralischen Rehabilitierung“ der Sind zu zwingen.

Gerold Tandler erschien diese Forderung zunächst als „Zumutung“. Acht Tage und Nächte ließ er die Sinti in der düsteren „Todesangst-Christi-Kapelle“ auf dem Gelände des Konzentrationslagers hungern, bevor er seinen Staatssekretär Neubauer zu kärglichem Entgegenkommen ermächtigte: Wo Sinti „in Einzelfällen“ diskriminiert würden, werde er dies zu unterbinden versuchen; die rassistischen Aktenbestände der „Landfahrerzentrale“ seien zwischen 1970 und 1974 vernichtet worden, ausgenommen jene, die Gerichts- oder Ermittlungsakten beilägen; Geist und Buchstaben der 1970 aufgehobenen „Landfahrerordnung“ schließlich könne er nicht verurteilen, da dieses Landesgesetz von dem inzwischen verstorbenen SPD-Ministerpräsidenten Hoegner eingebracht und von einer breiten Mehrheit 1953 verabschiedet worden sei: Was damals Rechtens war, könne heute nicht Unrecht sein.

Acht Tage lang setzten zwölf Menschen ihr Leben aufs Spiel. Unter ihnen drei Sinti, die Jahre in den Konzentrationslagern Dachau und Auschwitz gefoltert worden waren; ein weiterer wurde als Junge von den Nazis zwangssterilisiert. Sie forderten, so ihr Sprecher Romani Rose, „ihr Recht, als Bürger gleichberechtigt leben zu dürfen, ohne Diskriminierung und ohne Angst, ständig aufs neue die rassistischen Akten des Reichssicherheitshauptamtes und des Rassenhygieneamtes der Nazis vorgehalten zu bekommen.“

Grund zu solchen Forderungen haben die Sinti mehr als genug. So diffamierten die „Zigeunerspezialisten“ im bayerischen Landeskriminalamt in Beiträgen für Polizeizeitschriften die überlebenden Opfer der Zigeunerverfolgung als „weitgehend kriminell und asozial“, als „chronisch verlogen“ und „arbeitsscheu“. Zigeunerischer Eigenart entspreche es, „sich um die Zukunft keine Gedanken zu machen“, von der Hand in den Mund zu leben. Kinder würden „zu Bettel und Diebstahl angehalten“, und „Zigeunermischlinge“ seien die „tatsächlichen Kriminellen“. Die LKA-Beamten bedauerten, daß im Dritten Reich „alle Maßnahmen den Lebenswillen der Zigeuner nicht zu brechen vermocht haben“.

Um zumindest in Bayern der „Zigeunerplage“ Herr werden zu können, wies das Landeskriminalamt alle Polizeidienststellen in den fünfziger Jahren an, spezielle Erfassungsbögen mit Zehn-Finger-Abdrücken, Photos und „Zigeunernamen“ aller erreichbaren Sinti an die Münchner „Landfahrerzentrale“ zu übergeben. Damit die Sinti („Straßengesindel“) aber „wirklich wirksam bekämpft“ werden konnten, griff das Innenministerium in seiner „Landfahrerordnung“ „auf das bewährte Muster des Zigeuner- und Arbeitsscheuengesetzes zurück“, das den Nationalsozialisten lange Jahre als Grundlage der Zigeunerverfolgung gute Dienste tat.