Besonders grotesk aber ist, daß Entschädigungsämter in Wiedergutmachungsfällen gerade bei der Behörde Erkundigungen über den Tatbestand der rassischen Verfolgung einholten, die zuvor die Deportationen in Konzentrationslager veranlaßt hatte: bei der ehemaligen NS-Zigeunerpolizeistelle München, die sich seit 1951 „Landfahrerzentrale“ nannte. So heißt es etwa in einem von Kriminalamtmann Eller unterzeichneten Gutachten, die Antragstellerin sei als „Person zigeunerischer Herkunft aktenmäßig“ in der Landfahrerzentrale erfaßt, über ihre „angebliche rassische Verfolgung“ lägen keine Unterlagen vor. Ihre Flucht vor Gewaltmaßnahmen der Nazis wird als kriminelles Delikt hingestellt. Trotz erheblicher Gesundheitsschäden erhielt die Betroffene keine Entschädigung.

Kriminalinspektor Geyer schrieb in einer „Beurteilung“ an das bayerische Landesentschädigungsamt, eine andere Antragstellerin sei „als asoziale, wenn nicht gar kriminelle Zigeunerin zu bezeichnen“. Ein in Österreich verbüßter „strenger Arrest“ wird von dem Gutachter als Folge eines kriminellen Delikts hingestellt. Der „strenge Arrest“ war freilich eine KZ-Inhaftierung im berüchtigten Lager Lackenbach. Das Oberlandesgericht in München lehnte auf Grund der „Beurteilung“ einen Antrag auf Wiedergutmachung dennoch ab

Unterstellungen und Anschuldigungen der Gestapo wurden von den „Zigeunerspezialisten“ im bayerischen Landeskriminalamt wie rechtswidrige Taten gewertet. So heißt es zum Beispiel in der Entschädigungsakte des Vinzenz Rose, die ihm 1979 der untersuchende Arzt, Professor Diebold, in Heidelberg vorhielt: „Die Familie Rose zog mit dreizehn Personen durchs Reichsgebiet und ernährte sich von Einbrüchen und Diebstählen.“ Nichts davon ist wahr. Die Familie handelte mit Pferden, im Strafregister finden sich keine Eintragungen. Rose wurde 1978 das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Die Sinn haben durch ihren Hungerstreik in Dachau einige Bundesgenossen gewonnen. So die SPD- und FDP-Fraktion im bayerischen Landtag, die sich die Forderungen der Sinti zueigen gemacht haben, oder auch Bundesjustizminister Vogel, der bei seinem Besuch in Dachau meinte, daß kaum eine Handvoll Menschen jemals so viel in Bewegung gesetzt habe, wie die Sinti mit ihrem Hungerstreik auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers: „Wenn sie ihren Weg so weitergehen, kann man mit mehr Zuversicht in die Zukunft sehen.“