Das warnende Beispiel des Jahres 1914 – eine Analogie zur gegenwärtigen Orientkrise

Von Miles Kahler

Das außenpolitische Denken in den Vereinigten Staaten ist durchdrungen vom Beispiel. München 1938; die Erinnerungen an die dreißiger Jahre formten unsere Vorstellung von einem unaufhörlich expansiven Gegner und verstärkten unser Mißtrauen gegen diplomatische Lösungen. In Europa hingegen ist viel einprägsamer der Vergleich mit 1914: Einen neuen Hitler vermöchten wir schon zu erkennen, aber auch ein zweites Sarajewo?

Das Spiel mit historischen Analogien ist bestenfalls eine unpräzise Denkübung, schlimmstenfalls ein polemisches Mittel. Da aber die "Lehren" der dreißiger Jahre in den Vereinigten Staaten so lange nachwirken, während die Julikrise von 1914 uns fernliegt, lohnt sich eine Nachprüfung dieser Analogien.

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Manche im Westen zeigten sich alarmiert über das Gleichziehen der Sowjetunion in der strategischen Rüstung und über den Stand der Modernisierung bei den Streitkräften des Warschauer Paktes. Aber auf diesen Gebieten hat die militärische Macht der Sowjetunion schon seit Jahrzehnten bestanden. Bestürzender war eine andere Veränderung: Die Sowjetunion gebrauchte ihre neuen Fähigkeiten, um ihren Einfluß in Weltgegenden auszunutzen, die – wie zum Beispiel Afrika – von den traditionellen Interessensphären der Sowjetunion weit entfernt liegen.

Welch ein Gegensatz zwischen den 50er oder den frühen 60er Jahren und den 70ern: 1956 während der Suezkrise lediglich ein Säbelrasseln Moskaus, später eine jämmerliche Unterstützung für die Sache Lumumbas im Kongo; 1973 jedoch eine gewaltige Luftbrücke nach Ägypten und Syrien und später ein großangelegter Nachschub für die Rebellen in Angola und für das Mengistu-Regime in Äthiopien. Diese dramatischen Unternehmungen folgten einem Jahrzehnt sowjetischer Expansion auf den Weltmeeren und der unverkennbaren Neigung, die Flotte für diplomatische Zwecke einzusetzen.