Honeckers Abgesandter in Bonn

Von Joachim Nawrocki

Berlin im April

Besuche von höheren DDR-Funktionären bei der Hannover-Messe hat es schon oft gegeben. Aber daß ein so hochkarätiger Mann wie das Politbüromitglied Günter Mittag von Hannover nach Bonn weiterfährt und sich in dieser Woche dort auch mit dem Bundeskanzler trifft, das ist ein Novum in der Geschichte der innerdeutschen Beziehungen.

Natürlich ist es kein Zufall, daß ein solches Treffen gerade jetzt stattfindet. Die Abkühlung der Ost-West-Beziehungen im Gefolge der Afghanistan-Krise erzwang zunächst einen Aufschub der für dieses Frühjahr geplanten Gespräche zwischen Bundeskanzler Schmidt und SED-Chef Honecker. Beide Seiten wollten den Eindruck vermeiden, als ob sie sich ganz unbeeinflußt von der Weltlage am gesamtdeutschen Kamin verplauschten, während ihre jeweiligen Bündnispartner die Zähne fletschen. Die weniger spektakuläre Reise Von Günter Mittag nach Bonn ist insoferndurchaus als Ersatz für die ausgefallene Begegnung von Schmidt und Honecker zu sehen – auch wenn sie, zu. einer Zeit geplant wurde, als Schmidt noch die Absicht hatte, bald in die DDR zu fahren.

Daß Günter Mittag zu einem solchen Spitzengespräch nach Bonn kommt, während es bisher meist die Bonner Minister waren, die nach Ost-Berlin oder Leipzig fuhren, zeigt auch, auf welcher Seite das überwiegende Interesse an dieser Begegnung liegt. Der DDR geht es wirtschaftlich sehr schlecht. Steigende Rohstoff- und Energiepreise, wachsende Rüstungslasten und unzureichende Produktivitätsfortschritte haben sie in eine Stiuation gebracht, in der sie noch mehr als bisher auf Westmarkeinnahmen angewiesen ist.

Da US-Präsident Carter den Handel mit der Sowjetunion drosselt und von seinen Verbündeten ähnliches erwartet, ist der DDR-Führung deutlicher als bisher vor Augen geführt worden, welche Bedeutung für sie der innerdeutsche Handel und die zahlreichen devisenträchtigen Abkommen zwischen Bonn und Ost-Berlin haben. Günter Mittags Visite in Bonn hat deshalb nicht nur den Zweck, diese Beziehungen möglichst unbeschadet über die kommenden Monate hinwegzuretten, sondern sie auch noch möglichst unauffällig auszubauen.