Von Hans C. Blumenberg

Billy Wilder zieht den Hut: "Es ist im Augenblick anscheinend so, daß es mit wenigen Ausnahmen im Film nur noch das ganz Vulgäre oder das übertrieben Intellektuelle gibt. Alles, was dazwischen liegt, scheint irgendwie nicht mehr interessant zu sein. Aber der Blake Edwards ist ein sehr guter Komödienregisseur, der hat zu Hause eine ganze Bibliothek über Filmkomödie, das hat er regelrecht studiert, wie eine Wissenschaft, und in seinem neuen Film ‚Ten‘, da sind ein paar gute Lubitsch-Sachen drin. Ich freue mich wahnsinnig, daß der Edwards diesen Riesenerfolg hat, wo es doch letztlich mit ihm so auf und ab gegangen ist." (Aus einem Interview mit Heinz-Gerd Rasner und Reinhard Wulf im Dezember 1979).

Das Kompliment des Meisters der Komödie gilt einem Jüngeren, der schon als abgeschrieben galt, als ausgebrannter Fall, als Opfer eines Produktionssystems, vor dessen Erfolgszwängen er kapituliert hatte. 1972 war Blake Edwards, nach mehreren kommerziellen Fehlschlägen und bitteren Fehden mit der MGM, die zwei seiner Filme im Schneideraum verstümmeln ließ, aus Hollywood geflohen. Mit seiner Ehefrau und bevorzugten Hauptdarstellerin Julie Andrews ging, der einstmals gefeierte Regisseur von "Frühstück bei Tiffany" und "Der rosarote Panther" in ein komfortables Exil in der Schweiz und schwor öffentlich, nie wieder nach Kalifornien zurückzukehren.

Der athletische grauhaarige Mann vom Jahrgang 1922, Karatemeister und Yoga-Adept, schien endgültig resigniert. Das Filmemachen gab er zwar nicht auf, aber seine letzten Arbeiten, drei weitere Kapitel aus der "Pink Panther-Saga mit Peter Sellers als enorm vertrotteltem französischen Polizeiinspektor Clouseau, zeigten nur noch die eine Seite seines Talents: den Geschmack an oft bis ins Surreale überzogenen visuellen Gags, in denen Menschen so übel mitgespielt wird wie Figuren in einem Comic-Strip. Im "The Pink Panther Strikes Again" ("Inspektor Clouseau – der ‚beste’ Mann bei Interpol", 1976) legt sich der Verkleidungskünstler Sellers einmal die Maske des Glöckners von Notre Dame zu, mitsamt einem heliumgefüllten Buckel aus Plastik. Der Buckel macht sich selbständig, und wie eine Rakete schießt der unglückselige Schnüffler in den nächtlichen Himmel über Paris. Aber selbst solche extremen Formen von "physical comedy" – mitunter geht es bei Edwards so genüßlich grausam zu wie bei Tom & Jerry – bleiben für die Figur folgenlos: Clouseau, der ewige Naive, ist, wie sein Regisseur, ein Überlebenskünstler.

Die klassischen Hollywood-Komödien, zumal die anarchischen Späße der Stummfilmzeit, hat Blake Edwards immer geliebt. Sein Film "The

Great Race" ("Das große Rennen rund um die Welt", 1965), der die längste Tortenschlacht von Hollywood enthält, trägt die Widmung: "For Mr. Laurel and Mr. Hardy". Und wenn er nach seinen Vorbildern gefragt wird, nennt er als ersten Leo McCarey, den Regisseur vieler der besten frühen Laurel & Hardy-Filme, der auch mit den Marx Brothers (in "Duck Soup") arbeitete.

Ein Farceur scheint sich da vorzustellen, ein Spezialist für angegraute Verrücktheiten, "pratfalls" und "slowburns", schöne Relikte aus der Steinzeit des Kinos, die einer wie Mel Brooks in seinem "Silent Movie" noch einmal ausgeschlachtet hat. Dessen grobschlächtiger Frohsinn ist indessen Edwards’ Sache kaum. Die Maske des Clowns verschmäht er nicht, doch, wie beim großen Stan Laurel, verbirgt sich dahinter der Schmerz des Melancholikers.