Internationale Bauausstellung Berlin 1984

Von Manfred sack

Berlin ist schön. Berlin ist häßlich. Berlin ist eine graue Stadt mit vielen Farben. Es ist die einzige wirkliche Großstadt, die Deutschland geblieben ist, regsam, gesellig, großspurig und noch immer ein bißchen verrückter als alle die anderen. Nirgendwo sonst gibt es so viele Bauwerke, die ein Historiker wahrzunehmen verpflichtet ist, und nirgendwo so viele von Kriegstrümmern befreite, immer noch leere Areale, so viele Stadtviertel mit so entsetzlich verstümmelten Gesichtern, so viele von Bäumen gesäumte und zugleich so viele von radikalen Verkehrsplanern schrecklich verunstaltete Straßen. Über die Hälfte der Wohnungen, weit mehr als in jeder anderen Stadt, sind alt und heruntergekommen, der Verfall geht schneller als die Erneuerung, und in keiner anderen kriegen Baulöwen so viel Geld nachgeworfen wie hier.

"Berlin ist groß und muß auch groß sein wollen", schrieb der Stadtbaumeister Martin Wagner zur Berliner Bauausstellung 1931. "Eine Stadt, die nicht baut, sich nicht darstellt, gibt sich auf", schrieb der Bausenator Harry Ristock vor zwei Jahren in der Vorlage Nr. 2504, betreffend die Vorbereitung einer "Internationalen Bauausstellung" in Berlin im Jahre 1984. Die "IBA" ist längst beschlossen, eine GmbH gegründet. Seither sind die Vorbereitungen lebhaft im Gange und rufen zum Teil sehr seltsame Reaktionen hervor. Die Berliner Fachleute kultivieren seit Monaten Gerüchte, Vorwürfe, Verrisse. Die Berliner Presse reduziert das mondiale Ereignis auf ausgerechnet das Problem, das gar keins ist, weil die meisten Ausgaben sowieso im Haushaltsplan notiert sind: auf die Finanzen. Die Berliner selber sind noch ziemlich ahnungslos, jedenfalls hat die Allgemeinheit das, was unter dem Kürzel IBA längst gewaltig zu rumoren angefangen hat, noch nicht wirklich wahrgenommen und ist vorsichtshalber skeptisch.

Wie zur Bestätigung fuhr in dieser latenten Gewitterstimmung schon wieder der Blitz aus den Wolken: Nicht genug, daß von den ursprünglich sechs leitenden Herren nur drei geblieben waren, zieht sich nun auch noch einer von diesen zurück: Jörg Jordan, als zuständiger Geschäftsführer für Finanzen und Verwaltung, Stadtplanung und Forschung der primus inter pares, nach seinem Umzug von Wiesbaden in Berlin eben noch mit dem Auspacken beschäftigt, nahm das überraschende Angebot der hessischen Regierung an, Staatssekretär im Umweltministerium zu werden.

Das ist sicherlich ein Posten, der den Politiker Jordan mehr herausfordert als sein IBA-Amt, vor allem seit der Aufsichtsrat seine Rechte im Dezember (gegen seinen Einwand) geschmälert hatte: Als alleiniger Geschäftsführer war er noch für die städtebauliche Gesamtplanung der IBA verantwortlich; als dann aber seine beiden Planungsdirektoren, die Architekten Hämer und Kleihues, ebenfalls Geschäftsführer wurden, fühlte er sich in diesem Triumvirat zum Verwalter degradiert, der keinen rechtlich gesicherten Einfluß mehr auf die "eigentliche Planung" auszuüben vermag. Der kollegiale Einfluß genügte ihm nicht – jedenfalls jetzt nicht mehr.

Gleichwohl kann man auch den geprügelten Bausenator Harry Ristock verstehen, daß er sich enttäuscht und verraten fühlt; denn eben noch hatte Jordan, nachdem ihm die Oberbürgermeisterkandidaturen in Frankfurt und in Kiel angetragen worden waren, in Berlin zu bleiben versichert. Der vierzigjährige Jurist war ein hervorragender Mann auf dem IBA-Platz, menschlich kommod, fachlich fundiert, politisch engagiert und aufrichtig. Seinen Ruf hatte er sich als Stadtentwicklungsdezernent in Wiesbaden erworben, wo er die Spekulanten gestoppt und der Wiesbadener Innenstadt das Schicksal des Frankfurter Westends erspart hat.