Von Rudolf Herlt

Die Doppelkrise um Iran und Afghanistan hat in den letzten drei Monaten die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit voll in Anspruch genommen. In ihrem Schatten sind andere ernste Fragen in Vergessenheit geraten. Etwa die: Wie der internationale Handels- und Zahlungsverkehr die Ölpreisexplosion der jüngsten Monate überstehen kann.

Seit das Öl noch teurer geworden ist, sind die wirtschaftlichen Wachstumskräfte schwächer, die Inflationsanfälle heftiger geworden, die internationalen Konten selbst reicher Länder sind in die roten Zahlen geraten. Wie ist dies alles zu reparieren? Darum ging es in dieser Woche auf der Hamburger Tagung der Finanzminister und Notenbankpräsidenten aus Industrie- und Entwicklungsländern.

Die Lage ist zwar nicht hoffnungslos, aber sie ist schwieriger zu meistern als nach dem ersten Ölpreisschock von 1973. Damals hatte sich die Welt über Nacht verändert. Die Ölverbraucherländer sahen sich plötzlich enormen Ölrechnungen gegenüber. Die Ölexportländer dagegen fragten sich: Wohin mit dem vielen Geld?

Die Lösung war zu jener Zeit einfacher, als die Auguren befürchtet hatten. Die volkreichen Ölländer, die ihre Wirtschaft rasch entwickeln wollten, kauften bei den Industrieländern sehr viel mehr als vorher. Sie bauten so ihre Dollarüberschüsse ab und hielten mit ihren Käufen bei den Industrieländern deren Devisenverluste in Grenzen. Die wahren Opfer des ölpreisschubs waren die ölimportierenden Entwicklungsländer. Sie mußten sich die ihnen von den Ölherren entzogenen Dollarmilliarden bei Banken leihen, die diese wiederum nur deshalb zur Hand hatten, weil die Ölländer ihre Überschußdollar bei ihnen anlegten.

Dieses Kreisleihgeschäft, das die Fachleute Recycling (Rüdcschleusung) nennen, funktioniert heute nicht mehr in gewohnter Weise. Die Ölländer haben das überhastete Entwicklungstempo ihrer Wirtschaften gedrosselt und kaufen bei den Industrieländern vorsichtiger ein. Deshalb wandert heute aus allen Industrieländern mehr Geld ins Ausland, als von dort zurückkommt. Auch die Bundesrepublik lebt wegen der hohen Ölpreise heute über ihre Verhältnisse. Am schlimmsten aber sind die ölimportierenden Entwicklungsländer dran. Sie sind in eine lebensgefährliche Situation geraten, weil ihnen die Banken wegen der Überschuldungsgefahr kein Geld mehr leihen.

In Hamburg wurde überdeutlich, worauf es ankommt, um mit dieser prekären Lage fertig zu werden: auf eine gesunde Mischung aus Anpassung an die neuen weltwirtschaftlichen Gegebenheiten und vorübergehender Finanzierung der Schulden, die viele Länder wegen ihrer hohen Ölrechnungen eingehen müssen. Anpassen aber heißt: Weniger Öl verbrauchen, damit die Einfuhrrechnung sinkt, und allen Bürgern Einkommensverluste zumuten.