Heidelberg

Im Winter 1973 las der amerikanische Soldat Larry Johnson in Ebony – einem Wochenblatt der schwarzen Amerikaner – einen Bericht über die Kämpfe in der damaligen portugiesischen Kolonie Moçambique. "Da stand", so sagte Johnson später, "daß wir, die US-Army, die Portugiesen ausbilden, versorgen ..." Besonders störte ihn ein Bild, auf dem portugiesische Soldaten – lächelnd – abgeschnittene Köpfe schwarzer Afrikaner vor die Kamera hielten. "Die toten Frelimos sahen genau so aus wie ich!" sagte der Obergefreite.

Johnson versuchte eine Zeitlang, seine Bedenken mit Vorgesetzten zu diskutieren. Sie sagten ihm nur: "Schreiben Sie Ihrem Abgeordneten." Der 19jährige kam zu dem Schluß, daß er "hier nicht weiter mitmachen" konnte. Eines Morgens im April ging er, in Zivilkleidung, zu seinem Arbeitsplatz in der Personalabteilung der "Straßburg"-Kaserne in Idar-Oberstein. Er setzte sich – mit verschränkten Armen – hinter seinen Schreibtisch. "Was soll das?" fragte ein Oberst im Vorbeigehen. "Ich streike, Sir! Wegen ... wegen unserer Beteiligung in Moçambique."

Er kassierte Stubenarrest und psychiatrische Untersuchungen. Schließlich kam Johnson vors Kriegsgericht in Kaiserslautern. Die überraschend milde Strafe – einen Monat im Mannheimer Armeegefängnis und Degradierung zum untersten Dienstgrad – verdankte Larry Johnson, so seine Verteidiger von der Heidelberger Anwaltskanzlei "Lawyers Military Defense Commitee", einem Überraschungszeugen. Der italienische Pater Cesare Bertulli, der bis zu seiner Ausweisung 1971 25 Jahre lang die Mission der "Weißen Väter" in Moçambique leitete, bestätigte und verstärkte die Behauptungen des Angeklagten vor dem Kriegsgericht: "Der Krieg in Moçambique ist ein Verbrechen!"

Den amerikanischen Verteidigern von Larry Johnson fiel schon damals auf, daß ihre Telephongespräche mit dem Zeugen Bertulli der Anklagevertretung gut bekannt waren. Nachfragen darüber, ob ihr Telephon abgehört worden sei, blockte Militärrichter Captain Green ab: "Das hat mit diesem Prozeß nichts zu tun."

Richter Green irrte sich. Am Karfreitag 1980, fast genau sieben Jahre, nachdem Johnson in den Sitzstreik getreten war, mußte die US-Army vor dem Federal District Court (Bundesgericht) in Washington einen Vergleich unterschreiben. Sie verpflichtete sich darin, das Kaiserslauterner Ur-. teil gegen Larry Johnson und die Entlassung "wegen Untauglichkeit" aus der Armee für nichtig zu erklären. Außerdem bekommt Larry Johnson 15 000 Dollar von der Armee.

Diese unerwartete Wende verdanken der Ex-Soldat, seine Heidelberger Rechtsanwälte und insgesamt 21 in der Bundesrepublik lebende Amerikaner der Initiative einiger amerikanischer Soldaten, die damals in der Bundesrepublik und Westberlin stationiert waren. Als Corporal Mike McDougal im Overseas Weekly, eine ausschließlich von Soldaten gelesene kommerzielle Wochenzeitung, las, daß es angeblich "kein Abhören" im Fall Johnson gäbe, platzte ihm der Kragen: "Zuviel ist zuviel, that’s too much!" Zusammen mit anderen Kollegen vom Kaiserslauterner 517. Military Intelligence Battalion gab er die Protokolle von abgehörten Telephongesprächen an Anwälte und Journalisten. Kurz, danach brachten noch mehr amerikanische Soldaten aus Bad Kreuznach und aus Westberlin geheime Unterlagen in die Öffentlichkeit.