Von Lothar Ruehl

Brüssel, im April

Auf der Karte im Lageraum des Nato-Hauptquartiers ist das geographische Koordinatensystem der drohenden Ost-West-Konfrontation eingezeichnet: Innerhalb der sechs Schnittfelder zwischen dem 40. Breitengrad im Norden und dem 20. im Süden, dem 40. Längengrad im Westen und dem 70. im Osten liegt das Konfliktgebiet, wo aller Voraussicht nach in den kommenden Jahren über die Zukunft der modernen Weltzivilisation und ihrer Industrienationen entschieden wird: "40.40.20.70." – geostrategische Chiffre der Weltpolitik im neuen Krisenjahrzehnt.

Dieser Schauplatz umschließt die Front von Afrika mit Somalia und Äthiopien, die arabische Halbinsel und den Irak im Westen, Afghanistan und Pakistan im Osten, Iran mit dem Persischen Golf und der Arabischen See im Zentrum.

Der aktuelle Konflikt zwischen Iran und den Vereinigten Staaten, in dem der japanische und die westeuropäischen Partner Amerikas schließlich zögernd neben ihrer Schutzmacht Position beziehen, könnte in einen amerikanisch-sowjetischen Konflikt am Golf umschlagen. Der Ernstfall wäre hier ein sowjetischer Versuch, eine amerikanische Seeblockade der iranischen Küsten mit einem Geleitzug zu durchbrechen. Dieses Krisenszenario nimmt eine spätere Krisenlage vor dem Horizont von 1985 vorweg, wenn Ost und West am Golf bei steigendem Erdölbedarf und absinkender Förderung in Konkurrenz treten werden.

Beginnen würde das Ganze mit einem amerikanischen Blockadegürtel, der von einem sowjetischen Flottenverband mit Frachtschiffen auf dem Wege nach Iran oder Tankern aus dem Golf durchkreuzt würde. Derzeit unterhält die sowjetische Kriegsmarine dauernd etwa dreißig bis fünfunddreißig Überwasserkampf- und Versorgungsschiffe in der Arabischen See und im nördlichen Teil des Indischen Ozeans, unter ihnen den Flugzeugträger-Kreuzer Kiew, mehrere Raketenkreuzer und Raketenzerstörer. Der Flottenverband ankert vor der Insel Sokotra am Golf von Aden und stützt sich auf den Hafen Aden im Südjemen, wohin auch das große russische Trockendock geschleppt wurde, nachdem Somalia den Sowjets ihre Stützpunktrechte gekündigt hatte.

Sowjetische Kampfflugzeuge können in absehbarer Zukunft auf die westafghanischen Flugplätze im Grenzgebiet zum Iran vorverlegt werden, von wo aus sie nur noch etwa 500 bis 700 Kilometer Luftlinie zur Straße von Hormuz am Ausgang des Persischen Golfes zu fliegen hätten. Langstreckenflugzeuge vom Typ Backfire können kurzfristig von Südrußland in die transkaukasischen und transkaspischen Gebiete der Sowjetunion verlegt werden, um von dort aus mit einer Gefechtsreichweite von über 3000 Kilometer auf dem Golfschauplatz und im Indischen Ozean einzugreifen. Die sowjetische Luftwaffe hat dauernd zwei ihrer taktischen Großverbände (nach dem Nato-Standard: Fliegerdivisionen) mit zusammen etwa 850 Einsatzkampfflugzeugen in den beiden südlichen Militärbezirken jenseits der Grenze zum Iran stationiert. Die Zahl der sowjetischen Kampfflugzeuge in Afghanistan schwankt und ist nicht genau bekannt.