Außer Spesen nichts gewesen? Haben die vier Tage höchster Diplomatie in Washington Carter nichts eingebracht, Sadat nicht zufriedengestellt, und Begin nicht glücklich gemacht? Oberflächlich betrachtet, war dieser geteilte Gipfel – jeweils zwei Tage konferierte Carter getrennt mit seinen Kompagnons aus seligen Camp-David-Zeiten – eine Veranstaltung um der Veranstaltung willen. Der Präsident, gebeutelt genug durch Afghanistan und Iran, wollte während seiner Wiederwahlkampagne demonstrieren, daß er sich auch um andere Krisen kümmert, zumal um eine, die ihm wenigstens einen Erfolg im Laufe seiner Amtszeit beschert hatte? den Friedensstart im Nahen Osten. So weit ist es damit nun schon gekommen, daß er sich mit dem kleinsten Fortschritt zufriedengeben muß.

Denn mehr kam in Washington trotz allen Bittens und Drängens nicht zustande: Um vielleicht doch noch den 26. Mai, das vereinbarte Zieldatum für die Einführung einer palästinensischen Autonomie in Westjordanien und Gaza, einzuhalten, beschlossen Sadat und Begin, daß ihre Delegationen von nun an ohne Unterbrechung miteinander verhandeln sollen. Ende dieses Monats wird also eine Marathon-Konferenz ohne Beispiel beginnen.

Begin, der sich sonst zu keinerlei Kompromissen bereitfand, hat es möglich gemacht: Er will Zeit gewinnen – also einigte man sich auf neue Prozeduren. Er will ohne direkten Druck der Amerikaner verhandeln – also einigte man sich auf die Konferenzorte Herzlia (Israel) und Alexandria (Ägypten). Er will nicht über eine "volle Autonomie" verhandeln – also überträgt man die strittigen Probleme (und das sind fast alle) einem "ständigen Ausschuß", der für die fünf? jährige Laufzeit der Autonomie eingesetzt wird. Begin hätte eigentlich mit dem Resultat seiner Reise nach Washington zufrieden sein können, gäbe es nicht den Krach zu Hause.

Ezer Weizman, Verteidigungsminister und die Nummer Zwei in der Partei und im Kabinett, kündigte seinem Regierungschef in einem Husarenstreich die Treue. Während Begin noch bei Carter zu Tische saß, forderte der Minister im israelischen Fernsehen vorgezogene Neuwahlen, damit sich die "Nation aus dem Sumpf befreien könne" und erbot sich, selber Ministerpräsident zu werden oder aber mit der oppositionellen Arbeiterpartei eine neue Regierung zu bilden.

Vermutlich wird der im öffentlichen Ansehen der Israelis abgesunkene Menachem Begin auch diese Herausforderung überstehen, weil jeder seltner Koalitionspartner aus purer Überlebensangst nichts mehr fürchtet als vorverlegte Wahlen, Er wird auch auf den Auf- und Abweichler Weizman, der schon ein Dutzendmal das Handtuch werfen wollte, gern verzichten, weil er einen ihm genehmen Ministerkandidaten hat: den Siedlungs-Zaren Ariel Scharon. Er wird indessen wieder nur Zeit gewinnen, nichts sonst. Im nächsten Jahr steht er regulär zur Wahl an, und dafür sind seine Chancen schlecht. Im nächsten Jahr muß der wiedergewählte Carter nicht mehr nach jüdischen Stimmen schielen. Im nächsten Jahr spätestens wird sich herausstellen, was der israelisch-ägyptische Frieden taugt und damit die Autonomie-Vereinbarung.

Wird Menachem Begin dann noch jede Kritik an seinem Siedlungs-Eifer als eine "Art von Rassismus" abtun? Wird er den Palästinensern dann immer noch die Leitung von Krankenhäusern (wegen Epidemiegefahren), die freie Wahl von Schulbüchern (wegen Propagandamöglichkeiten), die Verwaltung von Rundfunkstationen (wegen Sicherheitsrisiken) verweigern können? Wird er weiter daran festhalten, daß ohne Siedlungen und Soldaten in den besetzten Gebieten "der Frieden ermordet" werden würde) Wird er weiter den 90 000 Arabern in Ostjerusalem Autonomierechte verweigern, weil dies seinen Grundsatz durchlöchert, wonach "Jerusalem für alle Zeiten" israelisch bleiben wird? Wird er auch dann noch auf arabischem Gelände den Bau eines Wehrdorfes nach dem anderen genehmigen, weil er dies für ein "angeborenes und ewiges Recht" der Israelis hält?

Der Himmel mag nicht einstürzen, wie er in Washington voraussagte, wenn es am 26. Mai noch keine Autonomie für die Palästinenser geben sollte. Doch wird er sich für Israel verdüstern, wenn danach sogar die Hoffnung auf einen Frieden auch mit den Palästinensern zuschanden gehen sollte. Dietrich Strothmann