Harry küßt die Negerpuppe Barbara. Großvater liebt Bella, aber Bella nimmt den Strick. Mohn, sagt der Vater, macht dumm, doch gleich schlägt die Küchenuhr acht. Somit wäre alles in schönster Ordnung – zumindest bei –

Annemarie Zornack: "als das fernsehprogramm noch vorm küchenfenster lief", Gedichte; Claassen Verlag, Düsseldorf, 1979; 112 S., 18,– DM.

Denn ihr erster, nach elfjährigem Erinnern, Erleben, Erträumen erschienener, vierundachtzig Gedichte umfassender Sammelband besteht aus herzhaften Ringelnatziaden. Annemarie Zornack liebt Tarnkappenspiele. Schön schaukelnd können ihre Surprisen im obersten Ast eines blattlosen Baumes hängen oder schön sicher, wie die Schrotkugel eines Luftgewehrs, ins Schwarze treffen: "er zielt / auf seine Frau / und / schießt ihr / eine Blume."

Diese Überraschungstaktik spricht sich aus in Sinnbildern voll eigentümlichem Witz. Aus den sorgsam versteckten biographischen Brocken läßt sich ein urwüchsiges Bild zusammensetzen: Unerläßlich als Fundgrube für ihre Phantasie ist die Kindheit auf dem Lande: "geburtstags- / hochzeits- konfirmationsbouquette/lotenkränze/dazwischen / ein biedermeiersträußchen / fürs gefühl ..." Im Dienstabteil fuhr sie in die Ferien: "... bis bad Salzuflen / war mein apfel alle..."

Selten sind ihre Gedichte mit steckengebliebener Prosa zu verwechseln. Nur einmal, als sie zur "Teestunde" die Feministinnen deftig vergrätzt, wird sie polemisch; wohlfeil politisch agitiert sie nie. Statt dessen schwärmt sie von der Ostsee, von der Gorch Fock und von den Tieren: "... doch doch / das wirkt sich aus / wenn man so nah / am hafen wohnt." Die geheiligten Bildungsgüter verabscheut sie. Mit Reiseeindrücken, gesammelt in Spanien, Afrika, Mexiko, geht sie lapidar um. Das unspektakulär Menschliche stellt sie über alle Exotik und führt alle Erlebnisfetzen mit einem Lobgesang auf eine Zigarrenkisten-, überfahrt in Richtung Havanna ad absurdum. Überhaupt gehört es zu ihrer Eigenart, Disharmonien in einer Pointe aufzuheben. Damit ist sie in unserer ernsten Lyrik eine Außenseiterin. Weder reißt sie die Welt in Stücke, noch klebt sie deren Wunden mit Wortnetzen zu: Bleibe im Lande und spotte redlich. Verena Auffermann