Wir Älteren sind mit, nein an den Geschichten des Schatzkästleins aufgewachsen, einer von Hebel selber im Jahre 1811 getroffenen Auswahl von 100 kleinen Lesestücken aus dem von ihm herausgegebenen Badischen Landkalender, für den er zwischen 1804 und 1819 rund 300 geschrieben hat – Erzählungen, Rätsel, Rechenexempel, kurze Reden und Lebensläufe, Berichte über Kuriosa: warme Winter, Seewunder, Kometen, Traumbilder. Wie Grimms Märchen die Gefühle angeleitet, uns Bilder vor die Kinderseele gemalt haben, an denen wir das Gruseln und das Geborgensein, das Hoffen und das Treubleiben, die Wandlung und die Befreiung gelernt haben, so haben uns Hebels Geschichten die Lust des Verstehens, die Kurzweil und Intelligenz der Moral, das Handwerk der Menschlichkeit nahegebracht. Nun sind sie wie alle Kindheitserinnerung – wie früher Duft von Seidelbast, wie der Geschmack von Buchweizengrütze, wie die Tröstung der ersten Lieder, wie das Abenteuer des Lesen- und Schreibenlernens: man kann’s nur dem schildern, der es auch kennt, und dem muß man es nicht schildern. Alle anderen müssen selber nachholen – etwa hieran:

In der Türkei, wo es bisweilen etwas ungerade hergehen soll, trieb ein reicher und vornehmer Mann einen Armen, der ihn um eine Wohltat anflehte, mit Scheltworten und Schlägen von sich ab, und als er ihn nicht mehr erreichen konnte, warf er ihn noch mit einem Stein. Die es sahen, verdroß es, aber niemand konnte erraten, warum der arme Mann den Stein aufhob, und ohne ein Wort zu sagen in die Tasche steckte, und niemand dachte daran, daß er ihn von nun an so bei sich tragen würde. Aber das tat er.

Nach Jahr und Tag hatte der reiche Mann ein Unglück, nämlich er verübte einen Spitzbubenstreich und wurde deswegen nicht nur seines Vermögens verlustig, sondern er mußte auch nach dortiger Sitte zur Schau und Schande, rückwärts auf einen Esel gesetzt, durch die Stadt reiten. An Spott und Schimpf fehlte es nicht, und der Mann mit dem rätselhaften Stein in der Tasche stand unter den Zuschauern eben auch da und erkannte seinen Beleidiger. Jetzt fuhr er schnell mit der Hand in die Tasche; jetzt griff er nach dem Stein; jetzt hob er ihn schon in die Höhe, um ihn wieder nach seinem Beleidiger zu werfen, und wie von einem guten Geist gewarnt, ließ er ihn wieder fallen und ging mit bewegtem Gesicht davon.

Daraus kann man lernen: Erstens, man soll im Glück nicht übermütig, nicht unfreundlich und beleidigend gegen geringe und arme Menschen sein. Denn es kann vor Nacht leicht anders werden, als es am frühen Morgen war, und „wer dir als Freund nichts nutzen kann, der kann vielleicht als Feind dir schaden Zweitens, man soll seinem Feind keinen Stein in der Tasche und keine Rache im Herzen nachtragen. Denn als der arme Mann den seinen auf die Erde fallen ließ und davonging, sprach er zu sich selber so: „Rache an dem Feind auszuüben, solange er reich und glücklich war, das war töricht und gefährlich; jetzt, wo er unglücklich ist, wäre es unmenschlich und schändlich.“

Ich will nicht versuchen, diese Geschichte zu loben und auszulegen. Ich will nur sagen, was sie mit mir tut: Sie verlockt mich mit dem Satz „wo es bisweilen etwas ungerade hergehen soll“; sie macht gespannt, weil auch ich erraten will und nicht erraten kann, wozu der Arme den Stein einsteckt; sie befriedigt, weil der moralischen Empörung Genüge getan wird: „Und der Mann ... stand ... eben auch da und erkannte seinen Beleidiger“; sie beschämt mich und belehrt mich dadurch: „...jetzt Rache üben, wo er unglücklich ist, wäre unmenschlich und schändlich. Dies ist nicht Hebels kunstfertigste Geschichte; es ist eine der frühesten und die erste in der Sammlung – aber sie ist typisch: für Hebels nicht moralisierende, seine gar nicht spröde, seine federnde Moral. „Der Husar von Neiße“ hat in Frankreich geplündert und schlimmer noch: die von den Kindern erflehte Barmherzigkeit nicht geübt. 1806, fast zwei Jahrzehnte später, ziehen die Franzosen in Neiße ein, und auf ebenso einfache wie wunderliche Weise gerät der Sohn des Opfers an den Husaren.

Der geneigte Leser denkt vielleicht auch: Jetzt wird der Franzose den Husaren zusammenhauen, und freut sich schon darauf. Allein das könnte mit der Wahrheit nicht bestehen. Denn wenn das Herz bewegt ist und vor Schmerz fast brechen will, mag der Mensch keine Rache nehmen. Da ist ihm die Rache zu klein und verächtlich

Als ich diese Geschichte zum erstenmal als Zwölfjähriger las, hat sie heftig an mir gerüttelt; sie stellte mich auf eine unbekannte Probe; ich war mir mit Bangen bewußt, daß ich der Gerechtigkeit soviel Freiheit nicht lassen wollte! Erst jetzt als Erwachsener habe ich auch Hebels Schluß gelesen: