Kino: "Der Kandidat" wird besichtigt

Von Hans C. Blumenberg

Was man erwartet hatte: ein Pamphlet zum Wahlkampf wahrscheinlich, ein filmisches Flugblatt wider den Kandidaten Franz Josef Strauß, auf jeden Fall Parteilichkeit, vielleicht sogar Wahlhilfe für den Kanzler und seine Partei. Es ist kein Geheimnis, daß Rudolf Augstein den Film "Der Kandidat" zu wesentlichen Teilen finanziert hat (durch den Filmverlag der Autoren, der ihm zu 51 Prozent gehört), und über Augsteins Sympathien in der Sache Strauß gegen Schmidt gibt es wahrlich keinen Zweifel. Auch die vier Filmemacher, die sich nach einigen Absagen in letzter Minute (Fassbinder etwa) zu dem Gemeinschaftsprojekt gefunden hatten, schienen eine klare Linie zu garantieren: Volker Schlöndorff, der Regisseur der "Katharina Blum", wurde auf dem Höhepunkt der "Sympathisanten"-Hysterie von der CDU sogar direkt mit dem Terrorismus in Verbindung gebracht; Stefan Aust gehört der Hamburger "Panorama"-Redaktion an, die auch nicht gerade als Strauß-freundlich gilt; Alexander von Eschwege, fast unbekannt noch, war einmal Schlöndorffs Assistent und hat ein bemerkenswertes Fernsehspiel über die nicht ganz unbegründete Paranoia eines vom Berufsverbot bedrohten Lehrers gedreht ("Der Tote bin ich"); und Alexander Kluge, den Kopf des Unternehmens (der schon "Deutschland im Herbst" prägte), kann niemand mit einem Konservativen verwechseln.

Für einen Mangel an "Ausgewogenheit" schien also gründlich gesorgt, was auch die öffentlichrechtlichen Fernsehanstalten dazu bewog, für das Projekt keinen einzigen Meter Archiv-Material über Franz Josef Strauß herauszurücken. Man weiß ja schließlich, was sich gehört, also: wem man gehört. Auch die Partei des Kandidaten suchte das Schlimmste zu verhindern, ließ die Filmemacher gar nicht erst an ihren Mann heran. Bei einer öffentlichen Veranstaltung in Passau wurde Volker Schlöndorff vom Presse-Sprecher der CSU mit seiner Kamera des Saales verwiesen. Man hatte Angst vor diesem Film. Über Strauß sollte nur so geredet werden dürfen, wie im Fernsehen (und in fast allen Zeitungen) über Strauß geredet wird: moderät, abwiegelnd, auf eine Weise, die manche Leute staatsmännisch nennen.

Die Angst war überflüssig. Der Film "Der Kandidat" enthält keine neuen Tatsachen über die politische Biographie des Kandidaten Strauß. Allenfalls frischt er das Gedächtnis auf. In dem überwiegend aus Wochenschau-Material montierten Mittelteil des Films, knapp eine Stunde der insgesamt 130 Minuten in Anspruch nehmend, zeichnet Stefan Aust noch einmal die Chronologie der Affären nach, mit denen Strauß in seiner Zeit als Verteidigungsminister zu tun hatte: vom HS-30-Panzer über Onkel Aloys und Fibag bis zum Angriff auf den Spiegel. Das ist notwendig und nützlich (gerade für jüngere Zuschauer, denen die Ära Adenauer schon unendlich fern ist), aber auch nicht mehr als das: ordentliches Fernseh-Handwerk (im existierenden Fernsehen allerdings kaum noch möglich), fast ohne Polemik, mit einem einzigen Ausrutscher ins Politik-Kabarett. Den nach seinen Spiegel-Lügen zurückgetretenen Minister, der auf einer Almhütte privatisiert, begleitet der fidele Schlager "Im Leben, im Leben, geht mancher Schuß daneben". Das ist so platt, daß wahrscheinlich sogar der Kandidat darüber lachen könnte.

Auf das "Duell" (wie zum Beispiel Burdas Bunte und der Stern es gern hätten) zwischen dem Herausforderer Strauß und dem amtierenden Deutschen Meister Schmidt läßt sich der Film erst gar nicht ein. Kluge und Schlöndorff verwechseln die Politik nicht mit einem Boxkampf. Sie erlauben es sich, den Champion nur zweimal kurz vorkommen zu lassen: das eine Mal als routinierten Kanzler-Darsteller, der leicht herablassend für die Photographen posiert, das andere Mal als Hamburger Innensenator, der zum Einsatz der Polizei bei der Besetzung der Spiegel-Redaktion zwar eine private Meinung hat, diese aber lieber nicht öffentlich preisgeben möchte. Lernen kann man aus diesem nie zuvor veröffentlichten Wochenschau-Rest nur, daß der Kanzler vor 18 Jahren sehr viel hamburgisch gefärbter sprach als heute.

Kein flammender Appell also. Die Filmemacher lassen die Konfrontation zwischen Schmidt und Strauß einfach weg; so machen sie klar, daß der Kandidat für sie keine Alternative bedeutet. Die SPD hätte es gewiß lieber etwas direkter gehabt. Andererseits kommen auch die Grünen vor: ihr chaotischer Parteitag in Karlsruhe, auf dem doch schon wieder um eine autoritäre Struktur gestritten wird. Nach dem Begräbnis von Rudi Dutschke singt Wolf Biermann vom Grün, das aus den Zweigen bricht. Sehr viel genauer wird es nicht.