Ein schmaler Text: Vierzehn Seiten lang ist Heiner Müllers "Mauser" in der Ausgabe des Rotbuch-Verlags. Ein schwerer Abend: Über dreieinhalb Stunden dauert Heiner Müllers "Mauser" auf der Bühne des Kölner Theaters.

Ein Drama fast ohne Theater, ein schen und Verhörstück in der Brechtschen Machart: Ein Chor (das Revolutionsgericht) gefragt und verurteilt einen Revolutionär, der gegen das Gesetz der Revolution verstoßen hat. In Köln wird aus diesem Text fast ohne Theater, je länger der Abend dauert, ein Theater fast ohne Text; ein Stück ohne Regieanweisungen zu einem Großprojekt des Regietheaters.

"Ein Abend in zwei Teilen über Erinnern und Vergessen" heißt der pompöse Kölner Untertitel zu Heiner Müllers lakonischem "Mauser". Eine eindringliche Erinnerung an den Dramatiker Müller ist der Abend tatsächlich. Doch am Ende gehört der Dichter selber zu den Vergessenen, sein Stück, Anlaß der Aufführung, wird von der Aufführung ausgelöscht, aufgebraucht. Als alles vorbei war, als sich die erschöpften Theaterkünstler vor dem erschöpften Publikum verbeugten, saß Heiner Müller in der letzten Reihe des Kölner Zuschauerraums, unbemerkt.

"Mauser" ist Fortsetzung und Korrektur des berühmtesten Lehrstücks von Brechts der "Maßnahme". Es ist auch Brechts bestes Stück, weil der Dichter darin einmal nicht die Maske von Freundlichkeit und Weltweisheit aufsetzt; weil er seine rabiate Egozentrik direkt verwandelt in die rabiate Logik des revolutionären Terrors, der natürlich nie "Terror" heißt, sondern immer "Arbeit".

Ein "junger Genosse", Arbeiter der Revolution, wird von seinen Mitkämpfern liquidiert, weil er seine Arbeit schlecht macht: weil er Gefühle hat, Mitleid zeigt, wo die revolutionäre Vernunft Erbarmungslosigkeit fordert. So, wie Brecht eine Zeitlang an der Fiktion eines wissenschaftlichen Theaters gearbeitet hat, so schildert er in der "Maßnahme" die Revolution (und das Töten für die Revolution) als gleichsam wissenschaftliche Arbeit; die einer natürlich schlecht, macht, der sie mit zitternden Händen macht.

In Müllers "Mauser" kommt die Geschichte der "Maßnahme" wieder. Ein Revolutionär, der zahllose "Feinde der Revolution" liquidiert hat, wird selber getötet, weil er das Töten nicht; mehr aushält – – drei Bauern, "Feinde der Revolution aus Unwissenheit", läßt er laufen. Der Chor belehrt ihn mit der Logik der "Maßnahme": "Das Töten ist eine Wissenschaft / Und muß gelernt werden, damit es aufhört. Der, der ihn seine Arbeit. Aber auch er merkt, daß das Töten eben keine Arbeit ist, auch er wird befallen von Angst, Mitleid, Entsetzen, Doch dann hat er scheinbar die revolutionäre Lektion gelernt: "Ich habe meine Last abgeworfen, in meinem Nacken die Toten beschweren mich nicht mehr / Ein Mensch ist etwas, in das man hineinschießt / Bis der Mensch aufsteht aus den Trümmern des Menschen." Auch dieser Hinrichter muß hingerichtet werden. Der Chor: "Wir hörten sein Brüllen und sahen was er getan hatte / Nicht mit unserm Auftrag, und er hörte nicht auf zu schrein / Mit der Stimme des Menschen, der den Menschen frißt. / Da wußten wir, daß seine Arbeit ihn aufgebraucht hatte / Und seine Zeit war abgelaufen und führten ihn weg / Einen Feind der Revolution wie andre Feinde."

Vor seinem Tod sagt der Verurteilte zum Chor: "Ich bin ein Mensch. Der Mensch ist keine Maschine. Gebt mir den Schlaf der Maschine." In der "Maßnahme" ist die Revolution vernünftig, notwendig, notwendig blutig. In "Mauser" gibt es diese (von Brecht vielleicht auch nur simulierte) Zuversicht nicht mehr; die klassenlose Gesellschaft könnte die menschenlose sein, die Arbeit des Tötens zur Mord-Lust werden, der alte Mensch ausgerottet, der neue niemals geboren. Hinter der Form des Lehrstücks, die ja so etwas wie Strenge, Gerechtigkeit, Ordnung verheißt, verbirgt Heiner Müller noch einmal, zum letztenmal, sein persönlichstes Entsetzen. Nach "Mauser" hat er kein Lehrstück mehr geschrieben, nur noch Vampirszenen, Greuelmärchen, Totentänze. Heiner Müller, 1977, sieben Jahre nach "Mauser": "Die christliche Endzeit der ‚Maßnahme‘ ist abgelaufen ... ich denke, daß wir uns vom Lehrstück bis zum nächsten Erdbeben verabschieden müssen."