Hervorragend –

Sylvia Anders (Gesang), Justus Noll (Text und Musik): "Trieb und Frieden", Der kabarettistische Locktitel sagt weit weniger als die demonstrative Rubriken-Bezeichnung: "Neues deutsches Chanson", denn, erklären die Autoren dazu: "Uns sind die ewigen drei Gitarrenakkorde über ... Nein! Alle musikalischen Mittel müssen her, vom Schubert-Lied bis zum Jazz, vom Tango bis Eisler." Tatsächlich wurde diese Schallplatte zu einer ungewöhnlichen Veranstaltung, die nicht ins Routine-Denken von Plattenfirmen zu passen scheint: Die "eher sehr anspruchsvollen Stücke" seien "zu hoch angesiedelt, zu hochgestochen wohl", also unverkäuflich. Jedoch, sie ist aller Aufmerksamkeit wert, weil sie, jeden, der ihr genau zuzuhören bereit ist, faszinieren wird: mit einer ehrgeizigen, kammermusikalischen Vertonung von sehr eigenwilligen, intensiven Texten über Massenmenschengefühle, "kaputte (Seelen-) Landschaften", abgeschobene alte Leute, über eine Episodenliebe, "unmögliche Träume" und die als Historie abgelegte Studentenrevolution von 1968, über Frauenliebe und eine Abtreibung mit unerwarteten Folgen. Die Schauspielerin Sylvia Anders gebraucht ihre schöne, ausdrucksvolle Stimme mit wunderbarer Intensität, und das heißt hier: mit wachem Verstand. (Bestell-Adressen: Dr. Justus Noll, Haspelstraße 14, 3550 Marburg, und Sylvia Anders, Karlstraße 34, 2000 Hamburg 76). Ihre Qualitäten haben beide schon einmal mit Hanns Eislers "Hollywood-Elegien und anderen Liedern" bewiesen (Bellaphon DC 23 259).

Manfred Sack

Hörenswert –

Antonio Vivaldi: "L’estro armonico". Die Kassette (3 Platten) erscheint unter dem Gelbetikett, und das bedeutet: nicht historisch-kritische Aufführungspraxis, sondern großer sinfonischer Orchesterglanz. Die Berliner Philharmoniker spielen Vivaldis Konzertsammlung, die einer ganzen Gattung eine neue Richtung verschaffte, stilbildend wirkte und sogar einen Johann Sebastian Bach zur Nachahmung und Übernahme anregte, fast wie ein altes Collegium musicum mit dem ersten Geiger als wirklichen Konzert-Meister, der auch das Solo spielt. Ein voller, vitaler und in Schönheit auf- und vergehender Ensembleklang, akkuratestes Geigenspiel und eine exzellente Gruppen-Präzision machen diese Kassette zu einem modernen Pendant jenes Vorhabens, mit dem Vivaldi seinerzeit komponierend das geigerische Können einer Generation dokumentierte. (DGG 27 40 221)

Heinz Josef Herbort

Präpotent Elvis Costello and the Attractions: "Get Happy!" Wenn die vierte Platte des New Yorker Rock-Idols Elvis Costello eines ist, dann ein monströses Dokument von Selbstüberschätzung und Verachtung für seine Bewunderer. Kaum einer der – für 1980er Verhältnisse unglaublich miserabel produzierten – zwanzig Songs ist wirklich auskomponiert, die meisten hören sich an wie halbfertige Entwürfe und lassen die Texter-Intelligenz früherer Arbeiten vermissen. Die ausgesprochen "netten" Pop-Liedchen sind nicht nur mit einem auf amerikanische Hitparaden schielenden Blick geschrieben, sondern auch so geschmackvoll wie eine Tüte voll Popcorn – Texter-Schwachsinn und melodische Einfalt von der harmloseren Sorte, aber exekutiert mit einem auch, in Interviews behaupteten Anspruch, der nie eingelöst wird. Kein New Wave-Rocker traute sich bisher, derart unters eigene einmal gesetzte Niveau zu gehen (Riviera/Global Records WEA 58114). Franz Schöler